Analyse
#allesdichtmachen: Die Aktion ist nicht das Problem, das Problem sind wir

Deutschland dreht durch, weil prominente Schauspielerinnen und Schauspieler sich satirisch zu den Coronamassnahmen äussern. Wie konnte es so weit kommen?

Julia Stephan
Julia Stephan
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Über die Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft muss neu nachgedacht werden.

Über die Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft muss neu nachgedacht werden.

Bild: Keystone

Mit Kulturschaffenden ist es so eine Sache. Einmal wirft man ihnen vor, sie wollten sich mit ihrer Kunst im Elfenbeinsturm nur selbst bespassen. Melden sie sich dann mal publikumswirksam mit einem Hashtag in den sozialen Medien zu Wort, spricht man ihnen sofort Herz und Hirn ab und fordert eventuell sogar ihren Rücktritt von ihren würdevollen Ämtern als «Tatort»-Kommissare. So passiert bei den deutschen Schauspielern Jan Josef Liefers und Ulrich Tukur, die sich bei der Aktion #allesdichtmachen beteiligt haben. Zusammen mit über 50 prominenten Kolleginnen und Kollegen hatten sie sich letzte Woche in kurzen Videoclips satirisch zu den Coronamassnahmen der deutschen Bundesregierung geäussert. Dann fegte ein heftiger Shitstorm über sie hinweg. Jan Josef Liefers, dem «Tatort»-Fans nun am liebsten den Professorentitel aberkennen würden, rang sich am Wochenende mit tiefen Augenringen in einem zerknirschten Interview bei Radio Bremen zu einer Erklärung durch:

Jan Josef Liefers verteidigt die Aktion #allesdichtmachen. Und wirkt dabei stark gezeichnet von den heftigen Reaktionen, die er auf seine Videos erhielt.

Quelle: Radio Bremen

Andere wie die Schauspielerin Heike Makatsch taten reumütig online Busse. Man habe doch nur Raum für einen kritischen Diskurs schaffen wollen. Jetzt bereue man die Aktion. Ob aus Gewissens- oder aus Karrieregründen, sei mal dahingestellt:

Der eigentliche Skandal aber ist der, der sich gerade vollzieht: Wenige Tage später hatten bereits 20 der Initianten ihre Beiträge wieder gelöscht. Da hatte das Kollektiv auf der Website allesdichtmachen.de schon eine lange Erklärung abgegeben, in der man sich von Querdenkern und AfD-Kreisen distanziert, die ihrerseits den satirischen Inhalt bewusst in Bares ummünzten und den Zündstoffcontent dankbar in ihren Netzwerken verteilten, während die Kollegen der so Instrumentalisierten die Aktion moralisch verurteilten.

Ein bisschen erinnert das alles an die Reaktionen auf die satirischen Corona-Doku-Clips der deutschen Bundesregierung im letzten Jahr, die unter dem Hashtag #besonderehelden verbreitet wurden. Dort hatten alte Ehepaare ihr jugendliches Nichtstun während der Pandemie rückblickend nostalgisch zur Heldentat verklärt:

Die satirische Kampagne der deutschen Bundesregierung.

Quelle: Youtube

Während die einen die Aktion als gelungene Satire feierten, fühlte sich die Kriegsgeneration verhöhnt, Berufsmenschen in systemrelevanten Berufen sich nicht mitgemeint. Und heute? Bei #allesdichtmachen kontert das medizinische Personal beleidigt mit dem Hashtag #allemalschichtmachen, und die unterbezahlten Kolleginnen und Kollegen ätzen über die privilegierten Möchtegernsatiriker mit ihren gut bezahlten Fernsehjobs.

Zu viel «Ich, ich, ich»

Der Skandal lehrt vor allem eins: Dass man im 21. Jahrhundert in Kunstwerke am liebsten nur noch die eigene subjektive Befindlichkeit projiziert, anstelle sich die Mühe zu machen, ihre Vieldeutigkeit zu erkunden und sich davon überraschen zu lassen. Man findet nur noch an den Inhalten Gefallen, die die eigenen Werte und Sehnsüchte spiegeln. Nur so lässt sich erklären, dass die mehr oder weniger guten satirischen Inhalte von #allesdichtmachen beim gereizten Gesundheitspersonal reflexartig als persönlicher Angriff verstanden wurden, obwohl ihr Spektrum weit über das hinausgeht. Und dass Medienleute sich von Jan Josef Liefers satirischem Medienbeitrag direkt attackiert fühlten. Offensichtlich haben wir es verlernt, künstlerische Inhalte als das anzunehmen, was sie sind: alternative Lebensrealitäten, die auch mal meilenweit von unserer Denkweise entfernt sein können.

Auch deshalb ist es für Künstlerinnen und Künstler ein unkalkulierbares Risiko geworden, nicht eindeutig zu sein. Es droht die Vereinnahmung durch radikale Gruppierungen, mit denen man nichts zu tun haben möchte. So schreiben die Initianten von #allesdichtmachen zu Recht: «Wenn man sich nicht traut, Selbstverständlichkeiten anzumahnen, weil man Applaus von der falschen Seite fürchtet, dann zeigt das allenfalls, dass der Diskurs in eine Schieflage geraten ist.» Der Rückzug der über 20 Videos ist ein trauriger Beleg für diese These.

Dass offensichtlich nicht alle Künstlerinnen und Künstler der Satire gewachsen waren, macht hingegen nur offensichtlich, was sonst unter Ausschluss des kulturellen Mainstreampublikums gar nicht so auffällt: Nicht jede kulturelle Abarbeitung an einem Thema hat auch Tiefgang. Oberflächlichkeit ist in der Kultur genauso präsent wie in Zeitungs- und Kommentarspalten.

Debussy ist für Mondscheinjogging

Wer sich der Illusion von der erhabenen Künstlerpersönlichkeit nicht berauben lassen möchte, dem sei trotzdem die satirische Liste des Klassikmagazins «Crescendo» ans Herz gelegt: Dort melden sich tote Komponisten unter dem Hashtag #bleibenwirmenschlich zu Wort: Claude Debussy fordert trotz Ausgangsbeschränkungen das Recht auf Mondscheinjogging. Und Ludwig van Beethoven erinnert daran, dass wir alle Brüder sind. Schöne, einfache Botschaften, die wir Nachkömmlinge uns aus dem vieldeutigen Oeuvre dieser Künstler baukastenmässig zusammenzimmern können. Wahrscheinlich würden die sich alle im Grab herumdrehen. Aber die simplen Botschaften passen so wunderbar in diese Zeit.