Analyse
Flugscham, wie bitte? Heute klatschen wir fürs Flugpersonal, es hält uns gesund

Zwar bildet und kultiviert Reisen doch nicht derart, wie man es sich zu Zeiten von Thomas Cook einmal erhofft hatte. Sonst wäre die Erde ein besserer Ort. Doch die alljährliche Völkerwanderung ist eine Art von Psychohygiene.

Daniele Muscionico
Daniele Muscionico
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Seit die Sommerferien begonnen haben, stellen Menschen ihren «Reisebericht des Grauens» ins Netz. Experten und Expertinnen (die dieses Mal keine Virologen sind) bezichtigen die Flugbranche und Reiseunternehmer der absichtsvollen Quälerei ihrer Kunden. Von «Chaos» auf den Flughäfen ist die Rede, von Türmen verwaisten Gepäcks, das niemals wieder seinen Menschen findet. Von unhaltbaren Zuständen auf Strassen, Schienen, beim Einchecken in der Abflughalle. Was jetzt, ist man schon wieder zum Heimaturlaub verdammt?

Falsch geraten. Keine Gürtel sollen enger geschnallt werden und keine Notvorräte mehr gestapelt. Verzicht war gestern. Nicht ein einziger Bedenkenträger zeigt sich mehr in der Öffentlichkeit, der uns verbietet, nach zwei Jahren Passfahrt im Postauto endlich den Popocatepetl zu bestaunen. Selbst Virologen und Epidemiologinnen schwören ab von ihrem Mantra: Bleibt zu Hause, wascht euch die Hände, vermeidet, wenn immer möglich, mit euren Mitmenschen sogar den Augenkontakt!

Die Welt ist wieder die Kontaktbörse, die sie schon immer war. Und das ist gut. Zwar bildet und kultiviert Reisen doch nicht derart, wie man es sich zu Zeiten von Thomas Cook einmal erhofft hatte. Sonst wäre die Erde ein besserer Ort. Doch die alljährliche Völkerwanderung ist eine Art von Psychohygiene, sie befriedigt die menschliche Neugierde und Abenteuerlust.

Hätten wir sie nicht, wären wir in unseren Höhlen sitzen geblieben und dort an Rauchvergiftung gestorben.

Wohlan also, man buche eine Flugreise, last minute, all-inclusive, hoppla; man arrangiere eine Kreuzfahrt, ahoi; man klettere auf die höchsten Berge dieser Welt, ab in die Wand. Einzig von Gletscherwanderungen wird in unseren Breitengraden neuerdings abgeraten. Als echte Reisebeschränkung kann man das aber nicht abbuchen.

Keystone

Das Reisefieber steigt, es gehört sommers zur Schweizer Krankheit. Die vor Corona vielgeschworene neue Normalität ist die alte Normalität. Logisch, auch wir sind die alten geblieben. Und doch passiert gerade Neues und Unerwartetes. Und zwar in der langen Warteschlange am Check-In, im Stau vor dem Gotthardtunnel. Tiraden, Beschwerden, Verwünschungen machen die Runde. Die Lage am Flughafen treibt Reisenden Schaum vor den Mund. Dabei liesse sich das Warten in der Hitze durchaus als Akklimatisation für die Wochen Türkei, Spanien oder Griechenland nutzen. Wir fliehen ja von einem Sonnenstich in den nächsten. Doch alles, was uns einfällt, ist ungerichtete Wut. Der Staat hat doch wohl Kredite und Kurzarbeitsgeld dafür ausgegeben, dass das System nach Covid bitte schön funktionstüchtig steht.

Aber hallo! Haben wir tatsächlich den Preis der Freiheit – die für alle gelten soll – in den letzten zwei Jahren vergessen? Die Reisefreiheit des Einzelnen endet dort, wo die Reisefreiheit des andern beginnt. Am Check-in, vor der Gotthard-Röhre, man suche sich den Ort aus.

Es gab während Corona einen flotten Begriff, der Karriere gemacht hat: Flugscham. Im Nachhi­n­ein lässt es sich nicht mehr sagen, was damit gemeint war. Es war wohl doch nur ein Modewort, das sich zum Lifestyle aufblähte. Doch wie wäre es, diese «Flugscham» neu zu beleben? Ich wette, damit fliegt es sich effektiv leichter. Um mich nicht schämen zu müssen, klatsche ich jedenfalls vor dem nächsten Abflug fürs Flugpersonal.

Es sorgt immerhin dafür, dass ich mental gesund bleibe: Ich darf weg von hier.