Beide haben sie in ihrer Dirigentenkarriere am Opernhaus Zürich gewirkt: Daniele Gatti und Manfred Honeck sind gefragte Operndirigenten. Im Rahmen des Lucerne Festivals traten sie nun diese Woche als Chefdirigenten mit ihren Klangkörpern auf: Gatti mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam und Honeck mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra. Dabei hat sich gezeigt: Sie lieben beide die zupackende Dramaturgie.

Für Manfred Honeck war das Kapellmeisteramt am Opernhaus Zürich, das er 1991 antrat, die erste Station als Dirigent. Zuvor hatte er zehn Jahre als Bratschist auch bei den Wiener Philharmonikern gespielt, da machte ihn Claudio Abbado zu seinem Assistenten beim Gustav Mahler Jugendorchester. Danach erwies sich das Zürcher Opernhaus als Sprungbrett, Honeck dirigiert heute die bedeutenden grossen Klangkörper in Europa und in den USA, seit 2008 prägt Honeck als Musikdirektor das Pittsburgh Symphony Orchestra.

Zupackender Klang

Amerikanische Spitzenorchester kennen wir hier hauptsächlich von CD-Einspielungen, beim Lucerne Festival kann man sie für einmal live erleben. Die Musiker(innen) sind sich gewohnt, in riesigen Sälen zu spielen, entsprechend zupackend und intensiv ist der Klang. Auch herrscht dort die für uns ungewohnte «Sitte», dass die Orchestermusiker bereits auf der Bühne sind, wenn das Publikum in den Saal kommt, jeder spielt sich ein, ein akustisches Durcheinander-Gedudel füllt den Raum.

Ganz anders das Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam, das zu den besten Klangkörpern überhaupt gehört. Die Orchestermusiker betreten die Bühne erst kurz vor Konzertbeginn und werden mit Applaus empfangen. Mit diesem Orchester hat einst Bernhard Haitink unvergleichlich Bruckner interpretiert, und Willem Mengelberg begründete hier eine grosse Mahler-Tradition.

Daniele Gatti hat beim Concertgebouw letzte Saison die Nachfolge von Mariss Jansons angetreten. Am Opernhaus Zürich war er nur kurze Zeit, er hatte 2009 nach dem abrupten Abgang von Franz Welser-Möst interimistisch die Chefposition übernommen, bis 2012 Fabio Luisi zum neuen GMD ernannt wurde. Mit dem Concertgebouw realisiert Gatti das bemerkenswerte Projekt «RCO meets Europe», das das Orchester bis 2019 in völkerverbindendem Sinn in alle 28 Länder der Europäischen Union führt.

Bruckner und Rihms

Beim Lucerne Festival präsentierte Gatti mit dem Concertgebouw natürlich Bruckner. Den Auftakt machte jedoch Wolfgang Rihms «IN-SCHRIFT», das der aktuelle Leiter der Lucerne Festival Academy 1995 für den Markusdom in Venedig geschrieben hat. Rihms Orchesterkomposition ist eigenwillig besetzt: hauptsächlich mit Bläser-Gruppen bis in die tiefsten Regionen, mit fünf Glocken und sieben Bässen, auf die hohen Streicher verzichtet er ganz.

Prägend ist der Glockenschlag, der das Stück eröffnet, und das energetische Flöten-Motiv, ein mit nervösen Akzenten durchsetzter Unisonoklang auf dem Ton «fis», der durch Flatterzungentechnik aufgeraut wird. Das Stück packt einen, vor allem, wenn es so engagiert und plastisch ausformuliert gespielt wird wie von den Musikern des Concertgebouw. Rihms dramaturgisch dicht gebautes Werk liegt dem Italiener Gatti, dessen expressive Intensität kostete er so richtig aus.

Dieses Zupackende, opernhaft Dramatische führte dann in der Grossbesetzung von Bruckners «Neunter» zu gewaltigen Klangsteigerungen, doch das Concertgebouw vermochte auch auf den Fortissimo-Höhepunkten durchhörbar zu bleiben, die Bläser hielten sich mit den Streichern in ausgezeichneter Klangbalance. Schon der berühmte «Feierlich, misterioso»-Beginn ging unter die Haut, und in der Terrassen-Dynamik, beim unverhofften Zurücknehmen ins Piano, wirkte das Orchester homogen und präsent.

Dvorák mit Mutter

Manfred Honeck und das Pittsburgh Symphony Orchestra präsentierten in Luzern das Programm ihrer neusten CD: eine von Honeck zusammengestellte Suite aus Antonín Dvoráks «Rusalka»-Oper und Tschaikowskys «Pathétique»-Sinfonie. Ähnlich wie Gatti setzt auch Honeck auf energetische Kraft, die Ausbrüche sind heftig, die Klangballungen hauen einen fast um. Das klanglich direkte, opernhaft erzählende Musizieren liegt Honeck, und er vermag den satten Streichersound der Pittsburgher innig zu zelebrieren.

Welch grossartige Bläser das Orchester hat, offenbarte sich im Highlight des Abends. Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter spielte Dvoráks Violinkonzert, ein eher etwas sperriges, nicht gerade populäres Werk des Böhmen, der einst für die Amerikaner in deren Auftrag nach ihrer «Nationalmusik» suchte. Unerhört, zu welchem Klangfarben-Reichtum Mutter im langsamen Satz fand, in engem Dialog mit den Bläsern: ganz subtil, fast flageolettartig das Pianissimo, die Farben vermischten sich, das war schon fast esoterisch. Und dann das Allegro-giocoso-Finale, von Anne-Sophie Mutter mit spielerischer Eleganz präsentiert. Das gross besetzte Orchester folgte ihr mit rhythmischer Leichtigkeit und Präzision – auch das ist amerikanisch.