Österreich, 1944. Zur Erholung von seinen Kriegsverletzungen zieht der Verwundete Veit Kolbe an den Mondsee ins Salzkammergut, unter die hohe Felswand, genannt Drachenwand.

Die ersten 50 Seiten des Romans von Arno Geiger erfordern etwas Atem. Das liegt an der bewussten Gestaltung des Ich-Erzählers Veit Kolbe. Der Dreiundzwanzigjährige wird den Lesern nicht von Anfang an als sympathischer Held präsentiert. Er hat etwas Unnahbares, Nüchternes.

Langsam taut der Versehrte auf

Die Zeit an der Front hat er nicht unbeschadet hinter sich gelassen. Etwas scheint in ihm gefroren zu sein. Fast im Tempo der Temperatur seines Zimmerchens taut er langsam auf. Der neue Ofen, den er sich kauft, bereitet ihm und seinen Kriegswunden in der Kälte eine grosse Erleichterung. In seinem Versuch, einer Lehrerin näher zu kommen, scheitert er, dafür entwickelt sich zwischen ihm und seiner Nachbarin, genannt die Darmstätterin, eine vielversprechende Freundschaft.

Braucht man etwas Zeit, um mit Veit Kolbe warm zu werden, so ist man hingegen sofort mitten und tief drin in den Briefen des 16-jährigen Kurt an seine etwas jüngere Cousine Fanny.

Auch Fanny lebt mit den Mädchen ihrer Klasse vorübergehend unter der Drachenwand. Der Plauderton, Kurts Erinnerungen an die gemeinsamen Spaziergänge oder seine Befürchtung, Fanny könne sich auf einen anderen Jungen einlassen: Die Briefe sind rührend im ernst gemeinten Sinn dieses Wortes.

Der Ernst zeichnet Arno Geigers Perspektive aus, seine Art und Weise, die Menschen mit Respekt anzuschauen und zu beschreiben. Bereits in der biografischen Erzählung über die Demenzerkrankung seines Vaters «Der alte König in seinem Exil» war es der ernste, zärtliche Blick, der besonders berührte. Ebenso in «Unter der Drachenwand». Die Intensität der Gefühle, die Hoffnungen und Wünsche dieser Teenager der Kriegszeit wirken nie lächerlich.

Der Respekt des Autors

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger schafft es, auf Menschen, die in der Gesellschaft oft nicht mehr (Demenz) oder noch nicht (Jugend) ganz ernst genommen werden, mit besonderem Respekt zu blicken.

Der intime Ton gelingt ihm in hohem Masse. Nebst dem Einblick in Kurts Verliebtheit erfahren wir in Briefen von den grossen Sorgen einer jüdischen Familie und ihren Schwierigkeiten, Wien zu verlassen. Nationalsozialisten lässt Geiger nicht in Briefform zu Wort kommen, ihre Weltsicht begegnet einem aber beispielsweise, wenn ein Freund Veits schikaniert und ins Gefängnis geschickt wird, weil er sich offen kritisch gegen den Führer, genannt F., geäussert hat.

Arno Geiger ist mit «Unter der Drachenwand» ein ebenso fulminanter wie behutsamer Roman über und gegen den Krieg gelungen. Grundlage dazu waren reale Zeitdokumente. Einmal auf Seite 50 angekommen, lässt man das Buch nicht mehr aus der Hand.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand, Carl Hanser Verlag, 480 Seiten.