Können wir über Politik sprechen?

Rabih Mroué: Wenn ich eine Antwort geben kann, ja.

Ich frage, weil Sie normalerweise nicht als Politikexperte Auskunft geben, sondern in erster Linie als Künstler wahrgenommen werden möchten.

Das ist nicht ganz so. Ich gehe nicht an Veranstaltungen und Festivals, die einen geopolitischen Rahmen haben; ich will nicht etwa als Vertreter der arabischen Welt eingeladen werden. Aber ich rede auch über Politik, ich versuche mein Bestes. Am Ende des Tages bin ich aber ein Künstler.

In Ihrem Fall ist es schwierig, Kunst und Politik auseinanderzuhalten.

Ich unterscheide zwischen Politik und dem Politischsein. Letzteres bedeutet, dass man auf die eigene Rolle als menschliches Wesen insistiert, dass man als Mensch die eigenen abstrakten Ideen, Gedanken, Zweifel und Fragen hoch hält. Das unterscheidet den Menschen vom Tier – Tiere können keine Fragen stellen, können nicht über abstrakte Ideen wie Demokratie oder Gerechtigkeit sprechen. Jeder Akt, der auf dieser menschlichen Kondition basiert, wird politisch.

Sie interessieren sich für das Menschliche und die Menschenrechte in der Politik.

Für das Recht, die eigene Meinung, die eigenen Zweifel und Fragen ausdrücken zu können, wo immer man ist. Ohne Restriktion. Ich komme aus einer Region, die von Krisen, Konflikten und Kriegen geprägt ist. Es herrscht ständig ein Notfallszenario, das keinen Raum lässt für Debatten über Löhne, Wahlen, Demokratie, Ferien oder was auch immer. Es heisst immer, es gebe Dringenderes. Und von aussen, etwa vom US-Präsidenten, kommt die Botschaft: Ihr seid mit uns oder ihr seid mit den Terroristen. Der Freiraum, um über eigene Positionen nachzudenken, wird einem genommen, zivile Rechte werden zugunsten von Kriegs-Recht aufgehoben. Deshalb hat der Arabische Frühling begonnen. Die Menschen haben das Bedürfnis, ihre eigenen Ideen auszudrücken und sie brauchen bessere Lebensbedingungen – auch um Zeit zum Nachdenken zu haben.

Sie sind in Kriegszeiten aufgewachsen, ihre Kindheit war davon geprägt. Erfüllt Sie das mit Trauer oder Wut?

Gar nicht. Vielleicht war es ein Glück, dass ich erst ein Kind war, als der Krieg begonnen hat. Ich konnte nicht zwischen Friedens- und Kriegszeiten vergleichen, das Leben war halt so. Menschen sind ohnehin sehr adaptierfähig. Das ist nicht nur gut. Auch weil Menschen sich an schlechte Bedingungen wie den Bürgerkrieg im Libanon gewöhnen, zieht sich dieser Missstand länger hin. Er hat 15 Jahre gedauert und ist immer noch präsent. Aber meine Kindheit war trotzdem glücklich. Erst als der Krieg offiziell geendet hat, 1990, als ich gerade meine Karriere begonnen habe, wurde es für mich und meine Generation schwierig. Denn wir waren an Kriegszeiten gewöhnt, und im Krieg denkt man kaum an die Zukunft, plant seine eigene Karriere nicht weit voraus. Nach Kriegsende trafen wir Menschen derselben Generation aus anderen Ländern, die Pläne hatten, die ernsthaft studiert hatten. Dan haben wir gemerkt, dass wir viel verpasst haben, dass wir stehengeblieben waren und nun vieles nachzuholen hatten. Das war schwer.

Dann haben Sie gemerkt, dass Sie Theater machen möchten?

Nein, damit hatte ich bereits begonnen. Aber es war nie mein klarer Plan; ich habe zuerst ein wenig Jura studiert, dann Chemie, dann Psychologie. Zufällig schlug ein Freund vor, doch Theater zu studieren.

Und da realisierten Sie: Das Theater ist das Richtige für mich?

Nein, ich denke immer noch nicht, dass es das Richtige ist für mich. Eigentlich wäre ich gern Musiker. Schon als kleiner Bub wollte ich das. Aber am Konservatorium herrschte während des Kriegs Chaos, ich verliess die Schule sofort wieder. Ich wollte nicht einfach Musiker werden, sondern ein sehr, sehr guter Musiker oder gar keiner. Ich musiziere und komponiere immer noch, aber als Amateur.

Aber das Theater ist auch erfüllend?

Ja, ja, aber es ist wohl auch eine Ersatzhandlung.

«Riding on a cloud» ist Ihre persönlichste Arbeit bisher. Es hat Sie viel Mut gekostet, sich und Ihren Bruder zu exponieren.

Es ist nicht das erste Stück, bei dem mein Leben als Stoff dient. Aber bisherige Stücke hatten mit mir oder meiner Frau Lina Saneh zu tun. Bei «Riding on a cloud» bin ich zum ersten Mal nicht nur verantwortlich für mich selbst, sondern auch für jemand anderen. Das war für mich das Heikle daran. Ich wollte nicht zu emotional sein, wollte ja nicht, dass die Zuschauer Mitleid mit meinem Bruder haben, darum geht es mir gar nicht. Im Gegenteil. Wir möchten Gedanken teilen, nicht Gefühle. Gedanken, Fragen und Zweifel. Den Reaktionen des Publikums nach, wird das Stück auch so verstanden.

Im Fokus steht, wie Ihr Bruder zwischen der Realität und deren Abbildung unterschieden lernen musste. Dieses Zusammenspiel steht meistens im Zentrum Ihrer Arbeiten.

Ja, es geht immer wieder um die Frage der Darstellung von Wirklichkeit. Die Frage: Was ist Fiktion, was Wirklichkeit, was ist real, was nicht? Wenn ich meine Geschichte erzähle, erfinde ich bewusst und unbewusst einiges hinzu. Fiktives findet in meine Erzählung Einlass – ob ich das nun möchte oder nicht. Es gibt keine Ausflucht vor der Fiktion. Anderseits: Wenn ich eine fiktive Geschichte schreibe, so wird sie von der Realität gespiesen. Sogar Science-Fiction-Filme rühren von Fragen und Erfahrungen des echten Lebens her. Das Reale ist Teil der Fiktion, die Fiktion Teil des Realen. Man kann die beiden nicht voneinander trennen. Das möchte ich stets betonen; dessen möchte ich, dessen sollten wir stets bewusst sein. Es ist gefährlich, die Fiktion von der Realität trennen zu wollen. Dann kreiert man diese Dualität zwischen Schwarz und Weiss, Gut und Böse.

Das Leben ist eine Mischung?

Es ist komplementär. Es gibt einen schönen Filmtitel «100 Shades of Grey» oder «1000 Shades of Grey».

«50 Shades of Grey». Aber der Kontext ist ein ganz anderer.

Ich kenne die Geschichte nicht, aber der Titel ist sehr interessant. Denn ja, es gibt Hunderte, ja Millionen Abstufungen von Grau.

Glauben Sie an eine all dem unterliegende Wahrheit?

Ja, aber auf andere Weise. Sogar wenn ich wüsste, dass Sie eine grosse Lügnerin sind und etwas komplett erfinden, läge darin eine Wahrheit. Ich würde mich fragen: Warum erfinden Sie das, welche Absicht steckt dahinter? Es gibt viele Wahrheiten, «50 Shades of Truth». Wenn zum Beispiel hier ein Unfall passierte und wir beide Zeugen wären, dann würden wir später nicht die gleiche Aussage darüber machen. Weil wir verschieden sind. Nicht weil jemand von uns lügt. Man stelle sich vor, man könnte alle Versionen eines Ereignisses sammeln, dann hätten wir vielleicht die ganze Wahrheit. Aber das ist unmöglich.

Aber es gibt konkrete Wahrheiten, die es vor Ideologien zu schützen gilt.

Ich rede nicht über konkrete Fakten. Wenn Sie sagen, dass die Erde eine Kugel ist, dann ist das nicht Ihr Standpunkt, sondern wissenschaftlich erwiesen. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Ich meine Ideen, Gedanken, Erinnerungen. Erinnerungen trügen uns immer, sie verändern sich mit der Zeit.

Bilder gehören zu Ihren Spezialitäten ...

Ich arbeite viel mit Bildern, aber ich möchte kein Spezialist in nichts sein. Auch bei den Bildern interessieren mich die Ideologien und Gedanken dahinter. Ich versuche, abstrakte Bilder zu dekonstruieren, sie menschlich zu machen, zu entmystifizieren. Und natürlich möchte ich manchmal an hergebrachten Vorstellungen rütteln. Viele Bilder blockieren uns beim Denken. Doch nichts sollte uns am Nachdenken hindern.

Im Chaos der Bilder, wie finden Sie diejenigen, die für Sie relevant sind?

Das ist natürlich immer persönlich. Darum ziehe ich es vor, kein Spezialist zu sein. Ich versuche, mich nicht zu wiederholen, ich mag keine Rezepte in der Kunst. Es ist eine ständige Reise ohne klare Destination.

Was halten Sie von der Weise, wie der IS Bilder nutzt?

Sie sind sich der Macht der Medien und der Bilder sehr bewusst, weshalb sie diese in den Gebieten, die sie beherrschen, komplett kontrollieren. Wie es alle Diktaturen tun. Aber IS tut dies sehr gut. Er ist ein Produkt der digitalen Ära.

Auf makabre Weise.

Sie wissen auch sehr gut, wie Hollywood funktioniert. In vielen ihrer Bilder imitieren sie das Hollywood-Kino. Das Schwert, das Pferd, Sonnenuntergang in der Wüste. Sie benutzen dieselben Codes, die Bilder des Orientalismus.

Der Arabische Frühling ist wieder abgeflaut, haben Sie Hoffnung für die Zukunft Ihrer Heimatregion?

Der Arabische Frühling wurde unterdrückt, unglücklicherweise, oder er hat sich in etwas Gewaltsameres, in einen Bürgerkrieg wie in Syrien verwandelt. Ich bin nicht sehr optimistisch, was die Zukunft betrifft. Für mich ist offenkundig, dass die Landkarte dieses Gebiets sich verändert: Einige Länder werden schrumpfen, neue werden auftauchen, Grenzen werden sich verschieben.

Info: «Riding on a Cloud» läuft am 16. und 17. April jeweils um 20.30 Uhr im Rossstall der Kaserne Basel.