Grammatik

«Auf ein Wort»: Der grosse Unterschied zwischen Deutsch und Schweizerdeutsch

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einer grammatikalischen Besonderheit, die typisch für den Schweizer Dialekt ist.

Die deutschen Verben unterscheidet man nach ihrer Flexion als stark oder schwach. Bei den starken wechselt der Stammvokal nach dem Schema der Ablautklassen (nehmen, nahm, genommen), bei den schwachen bleibt er gleich (lachen, lachte, gelacht).

Im Dialekt kommt die einfache Vergangenheit (Präteritum) nicht vor; statt «ich nahm» heisst es i ha gnoo. Beim Konjunktiv des Präteritums jedoch sind wir um so markanter dabei, nämlich mit Vokalvarianten: Ich nähme heisst in vielen Dialekten (entsprechend althochdeutsch nāmi) i nääm, neem; in anderen sagt man nuum (Bern-Solothurn-Olten), vereinzelt auch niem, nuem und sogar nüem.

Im Sprachatlas gibt es ein Dutzend einschlägiger Karten und weiteres Material; nach Orten aufgelistet findet man da starke Konjunktive wie gsääch, gseech, gääb, geeb, frääs, gieng, chiem, fier, gieb (Ostschweiz), gsuuch, guub, bluub, fruus (Hospental), fund, schluff, gueb, chuem, nuem, schlüef.

Von Haus aus sind sieg und miech schwache Verben; es gibt denn auch die schwachen Formen seiti, machti und die Zwitterformen siegt(i), miecht(i). Das spielerische Bilden weiterer Konjunktive liegt auf der Hand, etwa I schruub (schriebe).

Kurios sind auch die starken Partizipformen von schwachen Verben: gstumme, gmulde, gschumpfe, gwunke, tosche, poue und als Juxformen überzoge, gmorke; nicht alle kommen nur in der Schweiz vor. Überhaupt haben sich bei vielen Verben die Flexionen vermischt: boll/gebellt, buk/backte, pflog/pflegte. Für die schweizerdeutschen Formen gibt es zum Glück keinen Duden; einziges Kriterium ist letztlich die Verständlichkeit.

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