«Auf ein Wort»-Kolumne
Gemeine Nachbargemeinden: Wieso sich ein Zürcher Dorf vor mehr als 100 Jahren umtaufte

In seiner Mundartkolumne erklärt Niklaus Bigler diese Woche, wieso spotten oft keine Kunst ist.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Wer aus einem abgelegenen Dorf kommt, braucht oft dicke Haut.

Wer aus einem abgelegenen Dorf kommt, braucht oft dicke Haut.

Keystone

Im Sommer 1878 wurde ein Dorf im Zürcher Weinland offiziell umgetauft: Dorlikon nannte sich jetzt Thalheim an der Thur. Zwar geht der alte Name (Torlinchovin, 1166) auf den Personennamen Torilo oder ähnlich zurück, aber die boshaften Nachbarn brachten Dorlikon, Torlikon mit Tor und Torebueb in Verbindung und machten sich über diese Ähnlichkeit lustig.

Das ist menschlich. Da gibt es im Aargau (wo übrigens das alte, das «echte» Thalheim liegt) Spottverse wie «Aarauer, Bappehauer (Breifresser)» und «O heie, vo Zeie (Zeihen)».

Solche Reime haben etwas Kindisches, es fehlt dem Spott die inhaltliche Grundlage. Heinrich Pestalozzi nannte man in der Schule wegen seines weltfremden Verhaltens «Heiri Wunderli von Torlikon». Das ging nicht gegen das Zürcher Dorf und seine Bewohner, sondern war nur als Wortspiel gemeint.

Ebenso sagt man bis heute Dee isch nid vo Merkige / vo Huuse / vo Gäbistorf, Gibike; das sind wirkliche oder erfundene Namen, die besagen, dass jemand begriffs­stutzig, sparsam oder freigiebig sei.

Als 1945 das Kinderbuch «Globi in Torlikon» erschien, gab es das reale Dorlikon nicht mehr. Globis Torlikon war zu einem fiktiven Ort der Schildbürger geworden, die alles falsch machen. Sie bauen zum Beispiel ein Rathaus ohne Fenster und wollen dann das Licht in Säcken hineintragen.

Solche Orte als Ziel von Spöttern findet man überall; die bekanntesten in der Schweiz sind Gersau und Merligen. Ob sie diesen Ruf verdient haben, ist fraglich. Auf jeden Fall werden dazu seit Jahrhunderten immer wieder
die gleichen Geschichten erzählt, seien es nun Schildbürgerstreiche, Merliger- oder Gersauerstückli.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).