Literatur

Aura Xilonens «Gringo Champ»: Ein Mexikaner macht Mätzchen

Aura Xilonen.

Aura Xilonen.

Die mexikanische Autorin Aura Xilonen schlägt in ihrem Romandebüt um sich wie ihr Held: ein Migrant, der um sein Leben boxt.

«Und da durchfährt es mich, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein andres Leben hangeln, wenn ich diese fokkin Meridianer trashe.» Alles klar?

Für Liborio schon. Er verteilt ein paar wohlplatzierte Kinnhaken und Eierhämmer und befreit die schöne Chica von den Zudringlingen. Doch diese hauen zurück – und so ist die Chica verschwunden, als Liborio endlich in die Buchhandlung zurückwankt, aus der er zuvor herausgeschossen war.

Tatsächlich arbeitet der elternlose 17-Jährige, der den Rio Bravo von mexikanischer Seite her durchschwamm, um ins gelobte Land USA zu gelangen, in einer Buchhandlung. «Stinkwanze» nennt der Chef ihn, oder «braunärschigen Kayman» – er lässt ihn schuften für ein paar Cents und übernachten in einem staubigen Hinterzimmer.

Starke Sprache

Allerdings nicht für lange: Der Chef verschwindet plötzlich, die Buchhandlung brennt ab und Liborio wird Opfer eines Rachefeldzugs ebenjener Mickerficker, die er verklopft hat. Wer «Gringo Champ» bis hierhin gelesen hat, wird mit Liborio durchhalten.

Man gewöhnt sich rasch an die ebenso rüde wie barocke Kunstsprache, mit der die mexikanische Autorin Aura Xilonen Testosteron durch den Text jagt und Tempo ins Geschehen bringt. Umso stärker ist der Kontrast zu den seltenen Momenten der Menschlichkeit, die Liborio wie in Zeitlupe erlebt, in Gedanken wieder und wieder durchspielt wie Lieblingsgedichte.

Kein Zweifel: Er will mehr davon – und alles dafür tun. Xilonen zeichnet hier einen jener «Migranten der Welt, die wir ursprünglich alle sind». Ihnen hat sie ihren ersten Roman gewidmet, dessen kunstvolles «Spanglish» sofort ins Amerikanische übertragen und in den USA herausgebracht wurde.

Auch Susanne Lange, die deutsche Übersetzerin, hat den Spagat zwischen authentischem, in der Gosse abgemischtem Latino-Sound und neudeutscher Schnoddrigkeit geschafft – ein Kunststück.

Schwacher Plot

Doch der Roman hat auch Schwächen, kein Wunder angesichts des jugendlichen Alters seiner Autorin. Xilonen war gerade mal 21, als das Buch in Mexiko erschien, selber noch kaum dem Sturm und Drang entwachsen. So geht es etwas gar schnell vorwärts mit dem Helden: Liborio findet Unterschlupf und Arbeit in einem Obdachlosenheim für Kinder, freundet sich dort an mit der neunjährigen Naomi, die im Rollstuhl sitzt, und hilft ihr bei der Gründung einer Bibliothek für die Heimkinder. Um seine neue Familie zu unterstützen, beginnt er zu trainieren und feiert als Boxer bald Triumphe. Keiner seiner Gegner hält länger als ein paar Sekunden durch.

Wenn Liborio boxt, fliegt auch die Sprache in Fetzen, wie am Anfang des Buches. Ansonsten aber verschwindet der «Drecksmex» mehr und mehr – so lässt sich der junge Mann, inzwischen belesen, gar kenntnisreich über Dinge wie die Sixtinische Kapelle aus. Fast fürchtet man das Happy End mit der Chica, das die Geschichte vollends im Kitsch ersäufen würde, doch da landet die Autorin einen letzten Schlag in die Magengrube ihrer Leserschaft.

Aura Xilonen «Gringo Champ» Hanser, 334 S.

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