Leben

Ausmisten beim Umzug: Darf man Bücher verbrennen?

© Raffael Schuppisser

Als er letztes Mal umzog, hat unser Autor seine CD-Sammlung entsorgt. Diesmal wären die Bücher dran.

Dass Kultur nicht nur Geist ist, sondern auch Materie, merkt man spätestens beim Umziehen. Und das geht ins Gewicht. Eine Kollegin hat kürzlich ihren Hausrat gezügelt; darunter 2½ Tonnen Bücher – in hundert Kisten. Davon bin ich weit entfernt, aber 1000 Bücher besitze ich schon. Dass es so viele sind, wurde mir erst beim Umzug bewusst.

Einen grossen Teil habe ich gelesen, einige sogar zu Ende, andere nicht. Zweimal gelesen habe ich, sofern ich mich richtig erinnere, drei: «Narziss und Goldmund» aus jugendlichem Leichtsinn, «Schuld und Sühne» und «Die Marquise von O.» zu Studienzwecken. Dass ich noch eins in den nächsten Jahren ein zweites Mal lesen werde, dafür stehen die Chancen schlecht. Der Umzug wäre der perfekte Moment, Ballast abzuwerfen. Doch wie entscheidet man, welche Bücher mitkommen und welche nicht?

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Man kann es mit der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo versuchen, alle Bücher auf einen Haufen schmeissen, dann jedes einzelne in die Hand nehmen. Wenn es «Freude versprüht», behalten, sonst wegschmeissen.

Doch darf man so mit Kultur umgehen? «Den Archipel Gulag» auf die Müllhalde, die Märchen von Hans Christian Andersen ins Regal? Bücher sind nicht da, um Heiterkeit zu verbreiten, sondern wenn schon, um Emotionen auszulösen.

Das tut fast jedes Buch in meinem Regal: Wenn ich Hegels «Phänomenologie des Geistes» in die Hand nehme, fühle ich die Verwirrtheit der ersten Studienjahre wieder, bei Nietzsches «Also Sprach Zarathustra» spüre ich die Kraft der Menschheit aufkeimen als stünde die Geburt von Superman bevor, bei «Spiderman» erinnere ich mich an die unbeschwerten Stunden am kroatischen Strand, bei Musils «Mann ohne Eigenschaften» an den Kampf gegen das Einschlafen im Literaturseminar, bei Sartres «Le Diable et le bon dieu» an den schrulligen Französischlehrer, bei «Fahrenheit 451» von Bradbury an die hübsche Koreanerin in einem Starbucks in Cambridge. Jedes Buch hat seine Geschichte.

Wenn man ausmisten will, ist das Gefühl ein schlechter Ratgeber. Man muss radikal vorgehen. Nichts geht über die goldene Regel des Aufräumens: Schmeiss weg, was du in den letzten zwei Jahren nicht gebraucht hast! Bei Büchern kann das nur bedeuten: Alle auf die Müllhalde! Keines habe ich gebraucht, keines werde ich wieder brauchen. Klar, manchmal nimmt man eines in die Hand. Aber brauchen?

Wenn man nach einem Zitat sucht, findet man es ungleich schneller im Internet.

Ich kann radikal sein. Beim letzten Umzug war ich das. 1000 CDs wurden in der Kehrichtverbrennungsanlage Opfer einer knirschenden Walze, die den Kunststoff klein machte.

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Dabei war ich emotionsärmer, als wenn ich Stanislaw Lems «Sternentagebücher» in die Hand nehme und mir seine prophetische Darstellung über den Müll im All in den Sinn kommt. Anders als Papier transportiert Plastik offenbar keine Emotionen.

Die Materie spielt eine Rolle. Doch es geht nicht um die simple Zusammensetzung der Moleküle. Die CDs konnte ich ohne Wimpernzucken wegschmeissen, weil die Compact Disc bloss ein Trägermedium ist, längst strömen alle Songs, welche die Welt kennt, durchs Netz. Für 95 Prozent meiner Sammlung reicht Spotify. Klar, kann ich auch Bücher digital lesen, doch gibt es einen Unterschied: Weder klingt eine CD ohne Player, noch erscheint ein E-Book ohne Reader, ein Buch aber ist ein Buch.

Aus demselben Grund lohnt es sich nicht, Videokassetten oder DVDs oder Blue-Ray-Discs zu sammeln. Trägermedien und Abspielgeräte entwickeln sich weiter, die Filme bleiben dieselben. Eine Festplatte oder ein Internetzugang und ein paar Streaming-Dienste reichen. Wenn schon Filme sammeln, dann ratternde Filmrollen. Doch nicht einmal Cinephile tun das: zu umständlich.

Schwieriger wird es bei Videospielen: Sie bestehen zwar nur aus Nullen und Einsen, sind zwar digital, allerdings dennoch an ihre historischen Abspielgeräte gekoppelt. Wer mit dem Ur-Super-Mario über Abgründe hüpfen will, kann nicht einfach die neueste Nintendo-Konsole kaufen, er braucht die älteste.

© monoprixgourmet / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0

Es gibt zwar Emulatoren, die einige Klassiker ins Netz befördern, doch das Gefühl ist nicht dasselbe, es fehlt das Flackern des Bildschirms, das Piepsen der Boxen, das ursprüngliche Gamepad und damit der Original-Groove; es fühlt sich an, als hörte man die Zauberflöte nicht in der Scala, sondern auf dem iPhone.

So leicht wie ich mich beim letzten Umzug von den CDs getrennt habe, so schwer fiel es mir dieses Mal, Abschied zu nehmen von den Games. Was aber tun mit fünf Konsolen und 2500 Spielen? Von Keller zu Keller spedieren? Absurd. Das Wohnzimmer damit verbarrikadieren und sie dennoch so gut wie nie spielen? Noch absurder. Blieb nur die Trennung. Anders als die CDs habe ich sie nicht eingestampft, sondern einem Museum vermacht, das sich über den Schatz freute und mir lebenslangen Zugang versicherte. Das federte den Trennungsschmerz ab.

Zurück zu den Büchern. Sie stehen nun im Esszimmer in Reih und Glied. Sogar die «Mittelhochdeutsche Grammatik», eingeklemmt zwischen der Biografie von Elon Musk und dem Oxford Dictionary – keines werde ich je wieder brauchen. Eigentlich sind die Bücher nur eine Tapete, eine verdammt schwere zwar, aber eine, die Emotionen transportiert. Man sollte sich nur hüten, wie ein Literaturkritiker eines herauszuziehen und nach einem Zitat zu blättern. Es wird schiefgehen! Besser einfach googeln.

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