Kino
Entfesseltes Morden - in «Titane» zerlegt die Protagonistin nebenbei auch gängige Rollen-Klischees

Für die Enthemmung einer jungen Frau gewann Julia Ducournau in Cannes eine Goldene Palme. Nun kommt der Horror in die Kinos.

Irene Genhart
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Agathe Rousselle spielt in «Titane» die geheimnisvolle und obsessive Alexia.

Agathe Rousselle spielt in «Titane» die geheimnisvolle und obsessive Alexia.

Agora Films

Julia Ducournau ist erst die zweite Frau, die am Festival von Cannes die Goldene Palme holte. Der Film «Titane», mit dem ihr dies gelang, handelt von der Enthemmung einer jungen Frau. Damit schreibt er sich furios ein ins Genre des Körper-Horror-Films.

«Titane» beginnt fulminant. Mit einem Mädchen, einem Mann, einem Auto. Mit einem Unfall und einer Operation, bei der man den Schädel des Mädchens mit einer Metallplatte stabilisiert. Wenige Minuten später ist der zweite Spielfilm von Julia Ducournau da angelangt, wo andere Filme enden: bei der Enthemmung seiner inzwischen erwachsenen Protagonistin. Alexia arbeitet als Erotik-Tänzerin bei einer Autoshow. Ihre Bewegungen sind lasziv. Die Musik dröhnt. Die Stimmung ist überhitzt. Sie weist aufdringliche Verehrer so brüsk von sich wie ihre Kollegin unter der Dusche. Einem erzwungenen Kuss folgen sexuelle Handlungen, ein erster Mord. Er löst etwas aus, zieht andere nach sich, das Töten im Blutrausch schliesslich ist wahllos.

Bis an die Grenze der Entmenschlichung

Das ist inhaltlich so heftig wie in Bild und Ton inszeniert. Nicht unbedingt schön anzusehen, aber faszinierend: Nachdem sich Julia Ducournau bereits mit ihrem Erstling, dem 2016 erschienenen Teenie-Kannibalen-Movie «Raw», in die Untiefen des Body-Horror-Movies vorwagte, doppelt sie nun nach. Über die Motive ihrer Protagonistin schweigen sie und ihr Film sich weitgehend aus. Alexia – in einer grandiosen Tour de Force gespielt von Agathe Rousselle in ihrer ersten grossen Rolle – ist geheimnisvoll, verschlossen, schweigsam. Es mangelt ihr an Empathie, auch an Gefühl sich selber gegenüber. Schon als Mädchen hat sie eine Vorliebe für Autos, steht später in einem erotischen Verhältnis zu diesen. Eine der irrwitzigsten Szenen von «Titane» zeigt einen Bondage-Akt mit einem Cadillac. Man müsse, hat es nach der Operation geheissen, auf neurologische Anzeichen achten. Man hat es vielleicht nie getan.

Der verstörende Horrorfilm «Titane» kommt diese Woche in die Kinos.

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Die Nacht der Morde endet im Feuer. Alexia, zur Fahndung ausgeschrieben, muss untertauchen. Sie nimmt die Identität eines vor 20 Jahren im Kindesalter verschwundenen Adrien an und findet Zuflucht bei dessen Vater, dem Feuerwehrkommandanten Vincent (Vincent Lindon). Die beiden traumatisierten Seelen tun sich gegenseitig gut. Und so findet «Titane» in seiner zweiten Hälfte, zwischen nach wie vor vorhandener Brutalität und von Seiten der Feuerwehrmänner Adrien/Alexia heftig entgegenschwappender Homophobie, zu kurzen Momenten der Zärtlichkeit.

Eine überraschende, aber verdiente Goldene Palme

«Titane» ist handwerklich überzeugend, aber als Horrorfilm nicht bahnbrechend. Seine Originalität – und damit die Rechtfertigung für die Goldene Palme von Cannes – liegt eher auf der Inhalts- und Erzählebene. In der Tatsache, dass Ducournau sich eines Genres bedient, in dem Regisseurinnen bisher kaum vertreten sind. Und darin, dass sie in ihrem Film durch die radikale Transformation ihrer Protagonistin die herrschenden Vorstellungen von Geschlechtsidentitäten ins Leere laufen lässt. Dass dieser Prozess mit der Selbstverstümmelung einer Frau vollzogen wird, kann man hinterfragen. Es ändert aber nichts daran, dass Julia Ducournau mit «Titane» ein zwar nicht ganz greifbarer, aber mit vielen ausgefallenen Ideen aufwartender und unerschrocken die Grenzen der Entmenschlichung auslotender Film geglückt ist, der noch eine Weile zu reden geben dürfte.

Titane von Julia Ducournau (FR 2021/108 Min) ab 7.10. im Kino

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