Elektronische Musik

Band-Residenz im Südpol: Von der Synthesizer-Wand im Lichtzauber

Gabriel Ammon (vorne) und This Grossmann vor ihrer riesigen Gerätewand.

Gabriel Ammon (vorne) und This Grossmann vor ihrer riesigen Gerätewand.

Die Luzerner This Grossmann und Gabriel Ammon haben im Südpol ihre neue Show erarbeitet. Am Samstag ist ihr Werk live zu erleben.

Die grosse Halle im Kulturzentrum Südpol gleicht einer Werkstatt. Die «Ober-Kaulquappen»-Musiker This Grossmann und Gabriel Ammon, Tontechniker Pablo Stalder und Lichtdesigner Karl Egli sind am Einrichten und Ausprobieren. Auf der Bühne werden LED-Stäbe und weisse Licht-Boxen montiert, Geräte eingerichtet, Kabel verlegt, Material herumgeschoben. Das Duo mit dem extravaganten Namen «Obertonstruktur der Kaulquappe» entwickelt in der Südpol-Residenz seine neue Show. Egli wird ein exklusiv erarbeitetes Lichtkonzept über die Soundwälle beamen.

Grossmann und Ammon spielten vor zehn Jahren in der Band Marochine. Ihren ersten Auftritt als Duo hatten sie 2012 am Luzerner Industriestrassenfest. Auf dem Tisch lagen allerhand selbst gebaute Geräte und Toys, mit denen sie noisig herumfuhrwerkten. Ein Jahr später gingen sie als mobile Elektroklangmaschinen auf die Strasse. Seitdem sind sie mit ihrer pyrotechnisch erweiterten Sound-Performance an jedem B-Sides Festival auf dem Gelände unterwegs, 2019 spielten sie erstmals im Zelt ein wuchtiges Konzert. Das mobile Duo ist bloss ein Ableger seiner selbst, eine Art Trailer für den Blockbuster der Liveshow. Die beiden sagen:

Eine Wand voller Geräte

Deshalb nutzen sie die fünf Residenztage, um das grosse Ding auszuprobieren. Bisher hatten sie alles selber bewerkstelligt und ihren Sound selber gemischt, jetzt arbeiten sie mit einem Audio- und einem Lichttechniker zusammen. Nach den Trial-&-Error-Improvisationen der ersten Jahre ist ihr Sound gestalteter geworden. Auch denken sie mehr an die Zuschauer: Nachdem sie jahrelang mit dem Rücken zum Publikum vor ihrer Gerätewand standen, Knöpfe drehten und Kabel umsteckten, wollen sie jetzt ihre Musik nachvollziehbarer vermitteln. «Das Publikum soll stärker mitbekommen, was wir machen und wie sich die Sounds dazu verhalten», sagt Grossmann. Es ist ein Grundproblem von rein elektronischen Konzerten.

Bei diesem Duo ist alles Handwerk. Ihre über Jahre zusammengebaute Modular-Synthesizeranlage besteht aus Dutzenden von Oszillatoren, Filtern und anderen Elektronik-Geräten, die vielfältigst miteinander gekoppelt sind. Schon rein optisch ist dieses astronautische Cockpit ein Vergnügen.

Man erinnert sich an die voluminösen 1970er-Synthesizerburgen deutscher Cosmic Bands wie Popol Vuh oder Ash Ra Tempel. Der Umgang mit diesen Klangerzeugern ist ein permanenter Work-in-progress. «Modularsynthesizer klingen nie gleich», sagt Ammon. «Auch müssen die Geräte öfters gestimmt werden, sie reagieren auf Temperaturunterschiede und viele andere Parameter. Das macht den Sound lebendig, und genau das ist spannend.» Von daher auch der Name: die Kaulquappe als Bild der Metamorphose. Und die Obertonstruktur gehört zur Essenz jedes Klangs. «Ausser der reinen Sinuswelle», wirft Audiotechniker Stalder ein.

Die neuen Generationen der Modular-Elektronik haben neben ihrer «Old School»-Analog-Klangerzeugung auch digitale Kerne eingebaut. Aber es sind alles Geräte, die analog gesteuert und von Hand moduliert werden. Knöpfe müssen gedreht, Kabel umgesteckt werden.

Erste Vinyl- Veröffentlichung

Modular-Synthesizer sind in bestimmten Kreisen wieder voll im Trend. Das Angebot der unbeschränkten Fülle schürt die Sehnsucht nach Einschränkung und sinnlicher Erfahrung. Er wäre verloren, wenn er am Computer mit seinen tausend Möglichkeiten Musik machen würde, sagt Grossmann. «Hier kann ich herumschrauben, und es passiert etwas.» Die klanglichen Möglichkeiten ihrer Modular-Anlage sind trotzdem noch immer grenzenlos. Nur ist der Umgang damit handfester als das Herumklicken mit der Maus in den digitalen Soundprogrammen.

In den letzten Jahren haben die beiden Musiker ihr Equipment gigantisch ausgebaut. Aber gleichzeitig haben sie das Instrumentarium Schritt für Schritt kennen gelernt und ausgelotet, sodass sie heute mit viel Erfahrung ein wiederholbares Repertoire an Stücken generieren können. Zwei davon sind auf ihrer ersten Vinyl-EP enthalten, die am kommenden Residenzkonzert getauft wird. Zum wavigen Synthie-Groove singt Grossmann mit gepitchter Stimme seine SUV-Tirade auf die «monsters on wheels on the street».

Obwohl ihre Musik strukturierter und melodiöser geworden ist, sollen das Sperrige und Trashige weiterhin Platz haben. Das Duo arbeitet an einem eigenen instrumentalen Songformat. Auch wenn technoide Beats, Basslines, krautiges Klangmaterial, Wave und Industrial dazu gehören, ist das weder pure Clubmusik noch konzertanter Elektropop. Die Essenz ihres Sounds ist vielleicht der Do-it-yourself-Charakter, mit dem die beiden unbesehen von Trends und Marketing-Direktiven ihre Musik entwickeln. Grossmann grinst und sagt: «Am wohlsten würde ich mich auf einem Punk Label fühlen.»

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