Ausstellung
Nachdenklich und selbstbewusst: Die Fondation Beyeler zeigt den Blick der Frau

In der Ausstellung «Close-Up» beleuchtet die Fondation Beyeler, wie sich die Porträts von Künstlerinnen in den letzten 150 Jahren verändert haben.

Christoph Dieffenbacher
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Lotte Laserstein, «Liegendes Mädchen auf Blau», um 1931.

Lotte Laserstein, «Liegendes Mädchen auf Blau», um 1931.

zvg ProLitteris/Anja Elisabeth Witte

In der Film- und Fototechnik bezeichnet Close-up eine Naheinstellung, die bei Gesichtsaufnahmen die Emotionen und die Mimik deutlich hervortreten lässt. «Close-Up» nennt sich auch die neue Ausstellung in der Fondation Beyeler, die den näheren Blick von Künstlerinnen auf ihr menschliches Gegenüber untersucht. Sie widmet sich der Frage, wie sich diese weibliche Sicht in den letzten 150 Jahren ausgebildet und verändert hat – rund 100 Porträts und Selbstporträts zeigen die Positionen von neun Malerinnen unterschiedlicher Richtungen und Generationen.

Cindy Sherman, «Untitled #109», 1982

Cindy Sherman, «Untitled #109», 1982

zvg 2021 Cindy Sherman

Für jede der ausgewählten Künstlerinnen steht in der Ausstellung ein eigener Raum zur Verfügung, erst im letzten werden sie in Text, Bild und Ton vorgestellt. Die Werke selbst, darunter zahlreiche Leihgaben von Museen und Privaten aus dem In- und Ausland, sollen also im Zentrum stehen. «Es sind nicht nur Bilder von Frauen, es ist einfach auch gute Kunst», sagte die Kuratorin und Kunsthistorikerin Theodora Vischer vor der Eröffnung.

Einfühlsame Bildnisse, wenig Männer

Den Beginn der weiblichen Porträt-Serie bildet die Zeit um 1870, als Künstlerinnen in Europa und den USA erstmals an Akademien und Salons zugelassen wurden und anfingen, selbstständig zu arbeiten. Gleichzeitig stellte das neue Medium Fotografie die Malerei vor Herausforderungen. Bei Künstlerinnen wie Berthe Morisot und Mary Cassatt finden sich noch vor allem einfühlsam-intime Bildnisse von jungen Frauen, Mädchen und Kleinkindern aus der familiären Umgebung. Männer erscheinen in ihren impressionistischen Gemälden dagegen kaum.

Frida Kahlo, «Autorretrato: El Marco», 1938

Frida Kahlo, «Autorretrato: El Marco», 1938

zvg Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust/Centre Pompidou

Später werden die Porträts und Ich-Spiegelungen zunehmend sachlicher, verspielter, komplexer und rätselhafter, etwa in den bekannten Selbstporträts der Frida Kahlo. Bis die zeitgenössische Kunst das menschliche Gegenüber wiederum schonungslos verfremdet oder radikal realistisch abbildet – etwa wenn die Künstlerin Alice Neel neben ihren Männerakten den verfallenden Körper des Modells sitzenden Andy Warhol auf ein grosses Ölbild bannt.

Gesichtsverhüllung in Pandemie-Zeiten

Die Generationen der Künstlerinnen wechseln sich ab, der Blick der Frauen bleibt. Ob männlich oder weiblich – unterschiedlich sind jeweils die Möglichkeiten, mit einem Bild Gefühle auszudrücken oder den Charakter des Porträtierten zu erfassen. Auch Zeitgeschichte kann eine Rolle spielen: So sind mit der Pandemie plötzlich Masken zu einer neuen Realität geworden. Das eigene Gesicht zum Teil verhüllen zu müssen, gibt dem Thema Porträt eine ganz neue Wendung. Als sie die Ausstellung plante, sei der Beginn von Corona noch in weiter Ferne gelegen, schreibt Vischer im Ausstellungskatalog.

Während die Porträts von Paola Modersohn-Becker, Frida Kahlo und Cindy Sherman vielen vertraut sind, hat die Kuratorin auch Arbeiten von allgemein weniger bekannten Künstlerinnen ausgewählt. Eine davon ist Lotte Laserstein, die im Deutschland der Weimarer Republik zwischen Realismus und Neuen Sachlichkeit malte, bevor sie als getaufte Jüdin vor den Nazis nach Schweden emigrieren musste. Aus dunklen Augen, nachdenklich und doch selbstbewusst und etwas trotzig blickt einen die junge Frau in ihrem kleinformatigen «Selbstporträt mit weissem Kragen» (um 1923) an.

Lotte Laserstein, «Selbstporträt mit weissem Kragen», um 1923

Lotte Laserstein, «Selbstporträt mit weissem Kragen», um 1923

zvg ProLitteris/Lotte-Laserstein-Archiv

Als eine der ersten Malerinnen hatte Laserstein in Berlin eine akademische Ausbildung erhalten, und dies mit Auszeichnung. In ihren Kreisen wurde intensiv über die Rolle der «Neuen Frau» diskutiert. Die besten Akt- und Porträtbilder der Künstlerin entstanden vor ihrer Flucht und gelten als lebensechte Schilderungen weiblicher Lebensrealität. Erst wenige Jahre vor ihrem Tod in den 1990er-Jahren wurde Lasersteins umfangreiches Gesamtwerk von rund 10'000 Arbeiten wiederentdeckt.

Close-Up. Fondation Beyeler, Riehen.
19. September bis 2. Januar 2022.
www.fondationbeyeler.ch

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