Ausstellung
Geniessbar: Die Jungen Wilden in der Basler Galerie Mueller

Die Galerie Mueller wirft einen Blick zurück auf die «Nouveaux Fauves» der 1980er-Jahre, die erstaunlich aktuell daherkommen.

Dominique Spirgi
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Die Jungen Wilden in der Galerie Mueller: «Apfelschimmel» von Karl Horst Hödicke und «Bewohner. Tag des Mars» von Markus Lüpertz.

Die Jungen Wilden in der Galerie Mueller: «Apfelschimmel» von Karl Horst Hödicke und «Bewohner. Tag des Mars» von Markus Lüpertz.

zvg / Gina Folly

Die Bilder sind gross, manche fast etwas zu gross für die kleinen, aber feinen Räumlichkeiten der Galerie Mueller an der Rebgasse in Basel. In ihrer Farbigkeit sind die Gemälde und Zeichnungen eher auf der düsteren Seite, auch wenn es da und dort auch mal sehr rosarot sein darf. Der Pinselstrich ist wild und ungestüm und die Motive erscheinen wie ein Befreiungskampf des Figurativen gegen die Abstraktion in der Malerei, wobei nicht immer ganz klar wird, wer am Schluss gewinnen wird.

Die Rede ist von den Jungen Wilden oder «Les Nouveaux Fauves». In den 1980er-Jahren erschienen die vom damaligen Aachener Kunstmuseumsdirektor Wolfgang Becker so bezeichneten Künstlerinnen und Künstler auf der Bildfläche und überraschten, ja provozierten die damalige Kunstwelt. Und dies nicht etwa durch skandalöse Motive oder Aktionen, sondern mit einer Rückbesinnung auf die damals weitgehend verdrängte Malerei an und für sich und figurative Malerei im Speziellen. Die Gegenwartskunst war damals bestimmt von den kopflastigen Werken von Konzeptkünstlern wie Joseph Beuys oder der Minimal Art, die durch die stählernen Bodenplatten eines Carl André einen Höhepunkt der formellen Zurückhaltung erlebten.

Und nun traten Künstlerinnen wie die japanisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin Leiko Ikemura auf, die auf einer riesigen zweigeteilten Leinwandfläche eine wilde, schattenspielartige Szenerie mit dem Wolf, dem Geisslein und aufgeschreckten Hirtinnen unter einem «Schwarzen Mond» (so der Titel des Werks) präsentierte. Oder sie zeigten ein Bild mit leicht bekleideten Zirkusartistinnen auf «Apfelschimmeln», wie ein Gemälde von Karl Horst Hödicke betitelt ist.

Hochkarätige Leihgaben und käufliche Werke

Es sind dies zwei der gut ein Dutzend Werke, die bis 13. November in der Ausstellung «Neue wilde Künstler*innen» in der Galerie Mueller zu sehen sind. Einmal mehr präsentiert Galerist Dominik Mueller eine Schau, die aus dem Kunsthandels- oder Galeriealltag heraussticht. So verbindet er erneut hochkarätige und unverkäufliche Leihgaben mit Werken, die mit Preisschildern versehen sind – auch mit solchen, die ein gut gefülltes Portemonnaie benötigen. Und wiederum zeigt er nicht zeitgenössische Arbeiten, sondern eine mehr kunsthistorisch angehauchte Schau mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern, die mittlerweile über 70 Jahre alt sind oder nicht mehr leben.

Der Galerist und Ausstellungsmacher legt wiederum Wert auf den Bezug zur Kunststadt Basel. Nun kann man sich fragen, was diese Neuen Wilden, die in den 1980ern vor allem in Deutschland – namentlich in Berlin, Düsseldorf, Köln oder Hamburg – zur vielbeachteten Zeiterscheinung wurden, mit Basel zu tun haben. Es gab Basler Künstler wie Niklaus Hasenböhler (1937–1994), dessen Werk eine Nähe zu den Neuen Wilden verrät, wie in der Ausstellung zu sehen ist. Und es gab den Solothurner Künstler Martin Disler (1949–1996), dem 1980 mit einer Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel der internationale Durchbruch gelang.

Nicht alle goutierten die Kunst der «Nouveaux Fauves»: «Atompilz» von Niklaus Hasenböhler.

Nicht alle goutierten die Kunst der «Nouveaux Fauves»: «Atompilz» von Niklaus Hasenböhler.

zvg / Serge Hasenböhler

Einmal mehr spielt die Ausstellungsgeschichte der Basler Kunsthalle eine wichtige Rolle in Muellers Ausstellungsprogramm. Die 1980er-Jahre waren die Zeit, als sich Jean-Christophe Ammann als Leiter der Basler Kunsthalle mit einer untrüglich guten Nase für neue Kunsttendenzen hervorgetan hatte. Er zeigte neben Disler und Hasenböhler 1982 an einer Ausstellung mit dem etwas lapidaren Titel «12 Künstler aus Deutschland» Werke von Jungen Wilden wie Walter Dahn und Jiri Dokoupil aus Köln, die in der Galerieausstellung ebenfalls zu sehen sind. In der damaligen NZZ-Besprechung der Ausstellung in der Kunsthalle wurden diese Künstler als «Outsider» und «Freaks» innerhalb der Künstlergesellschaft bezeichnet, die sich im Untergrund eingenistet hätten.

Auch das Kunstmuseum bekundete Interesse an diesen «Outsidern»: Der damalige Leiter des Kupferstichkabinetts, Dieter Koepplin, zeigte 1987 im Haus für Gegenwartskunst eine Werkauswahl von Leiko Ikemura. 2019 präsentierte das Kunstmuseum im Neubau erneut eine Retrospektive zum Werk der 1951 geborenen Künstlerin.

Als «Outsider» oder «Freaks» würde heute die nicht mehr ganz so jungen Wilden wohl niemand mehr bezeichnen. Eher schon als Zeiterscheinung aus den 1980ern, welche die Halbwertszeit überschritten hat. Die Ausstellung in der Galerie Mueller zeigt aber, dass dies nicht zutrifft. Sie ermöglicht einen Blick auf das Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern, die sich damals mit einer grossen Lust am malerischen Ausdruck von den
-ismen des Kunstkanons befreiten. Und deren Werke heute noch – oder wieder – sehr aktuell und frisch daherkommen.

«Neue Wilde Künstler*innen», Galerie Mueller, bis 13. November. www.galeriemueller.com

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