Ausstellungen
Geschlechterfragen, Klimawandel und Kolonialismus: Das beschäftigt den Basler Kunstnachwuchs

Gleich zwei Ausstellungen in der Region lassen uns der Vielfalt des jungen Basler Kunstschaffens nachspüren.

Mélanie Honegger
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Hana El-Sagini: «A Dialogue between a Wooden Moth and Blue Slippers».

Hana El-Sagini: «A Dialogue between a Wooden Moth and Blue Slippers».

Bild: zvg/Christian Knörr

Das Kunstwerk könnte auch an einer Art Unlimited ausgestellt werden. Zwei riesige, flauschige Schlappen stehen im Kunsthaus Baselland, als hätte sie jemand unabsichtlich liegen lassen. Gleich dahinter prangt eine riesige Motte aus Holz an der Wand. Hana El-Saginis Werk ist eine Ode an eine Gewohnheit, der sie in ihrem Herkunftsland Ägypten jeden Abend nachging: Die Badelatsche wurde zur Fliegenklatsche, die nervtötende Viecher erledigt.

Die Installation ist eine von 45 Positionen, die im Kunsthaus noch bis Samstag zu sehen sind. Master- und Bachelorstudierende der Kunsthochschule HGK präsentieren ihre Abschlussarbeiten. Nicht alle sind so witzig wie die riesigen Badeschlappen – im Gegenteil: Mit grosser Ernsthaftigkeit setzen sich die Kunstschaffenden in ihren Werken kritisch mit dem Zeitgeschehen auseinander.

Dimitra Charamandas: «Scar Tissue».

Dimitra Charamandas: «Scar Tissue».

Bild: zvg/Christian Knörr

«Jede Generation besser als die letzte»

In ihrer Vielfalt ist die Ausstellung ein höchst interessantes Zeugnis dessen, was den Basler Kunstnachwuchs beschäftigt und der Biografien, welche die einzelnen Absolventinnen und Absolventen mitbringen. «Jede Generation macht es noch einmal einen Tick besser als die letzte», sagt Chus Martínez, die das Institut Kunst an der Fachhochschule Nordwestschweiz leitet und die Ausstellung gemeinsam mit Fernanda Brenner kuratiert hat. Die Kunstschaffenden seien über die Jahre technisch versierter geworden.

So divers die Werke sind: Stets präsent sind Referenzen an Geschlechterfragen. Die Boxhandschuhe aus Keramik? Eine Hommage an den verletzlichen Mann. Das handgewobene Textil? Die kritische Auseinandersetzung eines Mannes mit einem Material, das traditionell eher von Frauen eingesetzt wird.

Moa Sjöstedt vor ihrem Kunstwerk «We take no form until licked into shape by the tongues of those who love us I-III; Die, die nicht fliegen können; Fötterna på jorden».

Moa Sjöstedt vor ihrem Kunstwerk «We take no form until licked into shape by the tongues of those who love us I-III; Die, die nicht fliegen können; Fötterna på jorden».

Bild: zvg/Christoph Bühler

Spiel mit den Geschlechterrollen

Auch Moa Sjöstedts Gemäldereihe in satten Rottönen stellt Martínez in diesen Kontext. Das sexuell aufgeladene Kunstwerk der Schwedin dominiert den Eingangsbereich zum Kunsthaus. Die Platzierung ist kein Zufall. Sjöstedts auffällige Gemälde kontrastieren mit der bunt bemalten Garderobe gleich nebenan – einer Installation von Charles Benjamin Desotto, die aus einem Kindergarten stammen könnte.

Ein Spiel mit Geschlechterrollen? Nicht immer ist klar, ob das nun eine Interpretation der Kuratorinnen ist oder doch ein erklärtes Ziel der Kunstschaffenden. Immerhin heisst das Institut seit diesem Jahr «Institut Kunst Gender Natur». Doch Martínez beschwichtigt: Inhaltlich habe sich mit der Umbenennung nichts geändert, thematische Vorgaben gebe es keine.

Nuklearkatastrophen und Silberminen

Tatsächlich ist die inhaltliche Vielfalt überwältigend. Die Kunstschaffenden bringen ihre eigene Geschichte mit: Yana Dyl, Anfang Jahr aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet, verarbeitet in «Echo» die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Die Anlage wird auf Dyls Ölgemälde zum tragischen Schauspiel, das von der Aussenwelt mit Sensationsgier verfolgt wird.

Yana Dyl: «Echo».

Yana Dyl: «Echo».

Bild: zvg/Christian Knörr

Und die Chilenin Manuela Libertad Morales Délano spürt in einer raumeinnehmenden Betonzeichnung der Kolonialgeschichte in Lateinamerika nach. In frisch gegossene Betonplatten zeichnet sie Skizzen von Indigenen aus Peru nach, die den Abbau der Silberminen in Potosí dokumentierten.

Die Platten fügen sich zu einem grossen Gemälde zusammen, über das die Ausstellungsgäste gehen müssen, wenn sie in den nächsten Raum gelangen wollen. Unweigerlich fällt einem hier der Titel der Ausstellung wieder ein: «Peace or Never», ein Appell für mehr Frieden.

Manuela Libertad Morales Délano: «La Montaña que come Hombres».

Manuela Libertad Morales Délano: «La Montaña que come Hombres».

Bild: zvg/Christian Knörr

Die Biografien lassen erahnen, dass ein grosser Teil der Kunstschaffenden extra für das Studium nach Basel gekommen ist. «Toll ist, dass die dann nach dem Abschluss meist auch in Basel bleiben», sagt Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach. Wie fruchtbar der Austausch unter den verschiedenen Kulturen ist, zeigen Anekdoten der beiden Frauen, die durch die Ausstellung führen.

So seien Kunstschaffende aus Lateinamerika häufig von der Vorstellung geprägt, Kunst schaffen zu müssen, die gefällt und sich verkaufen lässt. Hier können sie sich hingegen frei entfalten. Eine Aufgabe, die zu Beginn besonders den ukrainischen Kunstschaffenden schwerfiel.

Blick in die Ausstellung im Sommercasino.

Blick in die Ausstellung im Sommercasino.

Bild: zvg/Laurence Müller

Völlig frei waren auch die dreizehn Kunstschaffenden, die zeitgleich im Basler Sommercasino ausstellen. Zum dritten Mal findet dort in Zusammenarbeit mit dem Verein Junge Kultur Basel das «Kunstnest» statt. Die jungen Kunstschaffenden wurden für die Ausstellung ausgesucht, können aber präsentieren, was sie möchten.

Ein Schatz an Inspiration

Ungefähr die Hälfte der Personen, die dieses Jahr ausstellen, sind im Bereich Fotografie tätig. Einige arbeiten auch beruflich im Kunstbereich, andere studieren Medizin oder arbeiten im Treuhandbereich. Das Ansinnen der Veranstaltenden ist klar: Sie wollen den jungen Kunstschaffenden eine Möglichkeit geben, ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zu zeigen – und zwar «nicht nur via Social Media».

Die Begegnung im realen Raum bietet einen reichen Schatz an Inspiration, einen Fundus der Ideen, einen Einblick in Sehnsüchte und Leiden einer neuen Generation. Zwar nur für ein Wochenende, aber wer weiss: Vielleicht wird die eine oder andere der Personen dereinst tatsächlich an der Art ausstellen. Das Potenzial jedenfalls ist gross.

«Peace or Never»
Kunsthaus Baselland. Bis 28.8. www.kunsthausbaselland.ch

«Kunstnest»

Sommercasino Basel. Bis 27.8. www.kunstnest.ch