Crossover
Basel Sinfonietta spielt «Jojo, Zappa and Rock'n'Roll»

Baldur Brönnimann, principal conductor der Basel Sinfonietta, über die Herausforderungen des Programms «Jojo, Zappa and Rock'n'Roll».

Stefan Strittmatter
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«Zappa war vielleicht so etwas wie ein Ur-Crossover-Komponist»: Baldur Brönnimann.

«Zappa war vielleicht so etwas wie ein Ur-Crossover-Komponist»: Baldur Brönnimann.

Jorgo Tsolakidis

«Jojo, Zappa and Rock'n'Roll» heisst etwas herbeigebogen das Motto des Abends, an dem die Basel Sinfonietta neben drei Werken des US-Amerikaners Frank Zappa mit der Uraufführung von Oliver Waespis neuem Konzert für Drumset und Orchester mit dem Schweizer Schlagzeuger Jojo Mayer als Solisten aufwartet.

Ein amerikanischer Komponist und ein Schweizer Schlagzeug-Virtuose – Wie passen die beiden Teile des Konzertabends zusammen?

Baldur Brönnimann: Wir bei der Sinfonietta beschäftigen uns mit heutiger, progressiver und innovativer Musik. Das muss nicht nur unbedingt «klassische» Neue Musik sein. Wir finden, dass es innerhalb sehr verschiedener Stile eine Schnittmenge von Publikum gibt, welches das Spezielle und vielleicht etwas Unkonventionelle und weniger Kommerzielle sucht. Und es gibt auch sehr interessante experimentelle Musiker, die keine Angst haben, über den Tellerrand ihrer eigenen Musik zu gucken.

Frank Zappa und Jojo Mayer gehören für Sie in diese Kategorie?

Ja. Zappa war vielleicht so etwas wie ein Ur-Crossover-Komponist, der zwar im experimentellen Rock zu Hause war, sich seit seiner Jugend aber auch von klassischer Musik – Varèse, Stravinsky, Boulez – beeinflussen liess. Da lag es natürlich nahe, ihm jemanden wie die Schweizer Drum-Ikone Jojo Mayer zur Seite zu stellen, der selber ein «Sucher» ist, der keine Berührungsängste zu anderen Musikstilen und zu einem Orchester hat.

Frank Zappa (1940-1993), US-amerikanischer Musiker und Komponist.

Frank Zappa (1940-1993),
US-amerikanischer Musiker und Komponist.

Nun hat Zappa auch Stücke für Schlagzeug komponiert – darunter das notorisch komplexe «Black Page Nr. 1». Gab es Überlegungen, Mayer auch Zappa spielen zu lassen?

Wie man sich vorstellen kann, war dieses Programm vielen Veränderungen unterworfen. Ursprünglich sollte es im Freien stattfinden, dann wollten wir Mayer/Waespi mit Werken von Bernhard Gander und anderen kombinieren, dann mussten wir das Orchester verkleinern, ohne Pause spielen und so weiter. Es standen viele Werke von Zappa, Varèse oder Stravinsky im Raum. Aber wir haben uns dann entschieden, nur die drei Zappa-Kompositionen mit Waespi zu spielen. Was Jojo Mayer als Zugabe spielt, ist aber noch völlig offen.

«The Perfect Stranger», «Dupree’s Paradise» und «Get Whitey»: Die Auswahl der Zappa-Kompositionen ist eigenwillig. Wieso dieser Fokus auf dem vom Komponisten selber nicht so geschätzten Album «The Perfect Stranger» (1984) und nur ein einziges Stück von seinem wohl gelungensten Klassik-Werk «The Yellow Shark» (1993)?

Wir wollten Werke aus beiden Schaffensphasen Zappas präsentieren. Wir finden nicht, dass «The Perfect Stranger» weniger interessant ist, sondern wollten einfach – wie bei anderen Komponisten auch – den Werdegang und die musikalische Entwicklung in der Programmation berücksichtigen. In meinen Augen hat die Auffassung, «The Yellow Shark» sei ein besseres Album, auch einfach damit zu tun, dass Zappa mit der Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern sehr viel zufriedener war und diese Aufnahme dadurch entsprechend idiomatischer und engagierter klingt. Die ausgewählten Kompositionen sorgen auch für eine musikalisch stimmige Reise innerhalb des Konzerts.

Stellen die Kompositionen besondere Ansprüche an das Orchester? Zappa machte ja jeweils keinen Hehl daraus, wenn er der Ansicht war, ein Orchester würde an gewissen Passagen scheitern.

Da ist er ja nicht allein – das geht wahrscheinlich allen Komponisten irgendwann mal so. Zappa kam natürlich aus der Rock-Szene, wo man gewöhnt ist, solange zu proben, bis alles geht, aber bei Orchestern hat man immer eine sehr limitierte Probenzeit. Leute wie Ligeti haben deswegen irgendwann in ihrer Karriere aufgehört, für grosse Orchester zu schreiben. Heute ist die Situation aber anders als noch in den 80er- oder 90er-Jahren.

Inwiefern?

Damals war Zappas Musik ja noch relativ neu, heute kennen wir seine Ästhetik und auch die technischen Anforderungen. Zudem sind die Musiker heute auch stilistisch viel versierter und erfahrener im Umgang mit Neuer Musik als damals noch. Deswegen würde ich mal sagen, dass Frank Zappa 2021 mit der Basel Sinfonietta sehr zufrieden wäre.

Jojo Mayer (Jahrgang 1963), Schweizer Schlagzeuger.

Jojo Mayer (Jahrgang 1963), Schweizer Schlagzeuger.



Eine andere Herausforderung an diesem Abend ist die Raumakustik – gerade bei Waespis Stück: Schlagzeuge sind bekanntermassen schwierig in halligen Räumen wie dem Stadtcasino.

Das ist tatsächlich ein grosses Thema, weil wir ja keine Erfahrungswerte haben. Wie gesagt, war das Stück ursprünglich für draussen gedacht und nicht für einen Saal. Das Stadtcasino ist sehr resonant, und das Drumset wirft die Problematik der Balance mit dem Orchester und der Lautstärke im Saal auf. Aber Jojo Mayer hat eine riesige dynamische Bandbreite und ist auch ein sehr sensibler und differenzierter Musiker. Ich bin sicher, dass wir mit ihm zusammen eine akustisch akzeptable Lösung finden und ihn dennoch in seiner ganzen packenden Virtuosität erleben werden.

«Jojo, Zappa & Rock'n'Roll»
Stadtcasino. 27. Juni. Livestream auf:
www.baselsinfonietta.ch