Basler Papiermühle
Vor dem Lesen verbrennen: Der Erfolg der Schweizer Typografie zündete in Basel

Die Basler Papiermühle wirft einen Blick auf die Anfänge und die turbulente Geschichte des «Swiss Style».

Hannes Nüsseler
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Vitrine für Vitrine blättert die Ausstellung in der Erfolgsgeschichte der Schweizer Typografie.

Vitrine für Vitrine blättert die Ausstellung in der Erfolgsgeschichte der Schweizer Typografie.

Basler Papiermühle

Nicht ihre Spurweite verbindet die New Yorker U-Bahn mit den SBB, sondern die Laufweite: Auf beiden Seiten des Atlantiks werden Bahnhofsschilder mit den gleichen Buchstaben bedruckt. Die «Helvetica»-Schrift ist sozusagen das Aushängeschild der Schweizer Typografie, die als «Swiss Style» die Welt eroberte – ausgehend von der Region Basel. 1957 wurde die Endstrichlose, wie die «Helvetica» auch heisst, von der Haas’schen Schriftgiesserei AG in Münchenstein auf den Markt gebracht.

Schlichtheit, Leserlichkeit und ein bewusster Umgang mit Weissraum – diesen modern anmutenden gestalterischen Prinzipien widmet sich eine kompakte, aber umso informativere Sonderausstellung im Basler Papiermuseum. Hoch oben unter dem Dach des mittelalterlichen Gebäudes stellt «Charaktertypen» die Entwicklung der Typografie ab 1920 vor, als neue Techniken den Druck revolutionierten. Die Präsentation kommt, anders als ihr Thema, praktisch ohne Leerraum aus: Buchstaben drängt sich hier an Buchstaben. Gleichzeitig machen das Stampfen der Mühle und der Geruch von Druckerschwärze unmissverständlich klar, dass selbst die zeitlose Aura der Schweizer Typografie ihre Geschichte hat.

Probeabzüge der «Helvetica»-Schrift.

Probeabzüge der «Helvetica»-Schrift.

Basler Papiermühle

Und diese Geschichte beginnt mit einem Knall: Nach dem Schrecken des Ersten Weltkrieges ringt die Avantgarde um einen gesellschaftlichen Neuanfang. Aller ästhetischer Exzess, der für das grosse Morden mitverantwortlich gemacht wird, muss weg. Was das Bauhaus für Architektur und Möbeldesign, ist der neue Beruf des Grafikers oder der Typografin für die Schrift: Mit Buchstaben, die auf sämtliche Schnörkel verzichten, soll der «beschränkt-nationale Charakter» bisheriger Schrifttypen beseitigt und somit die «internationale Verständigungsmöglichkeit» verbessert werden. So schreibt Jan Tschichold, deutscher Pionier der «neuen typographie», die Barbarei eines neuerlichen Weltkrieges kann er damit allerdings nicht aufhalten.

Der Erfolg reizt zum Widerspruch

Auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus gelangt Tschichold nach Basel und legt zusammen mit Künstler Max Bill die Grundlagen für die Schweizer Typografie. Im Land der Neutralität, insbesondere an der Schule für Gestaltung Basel, entfaltet der Stil im Laufe der Fünfziger- und Sechzigerjahre erst seine maximale Sachlichkeit, die ihn weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt macht. Um von der Popularität des «Swiss Style» zu profitieren, tauft die Münchensteiner Schriftgiesserei ihren eigenen Entwurf deshalb in «Helvetica» um – «Neue Haas-Grotesk» geht nicht ganz so leicht von der Zunge.

Die Seiten von Swen Kellers Buchprojekt «Wrong» werden erst durch Wärme sichtbar.

Die Seiten von Swen Kellers Buchprojekt «Wrong» werden erst durch Wärme sichtbar.

Vitrine für Vitrine blättert die Ausstellung in der Erfolgsgeschichte der Schweizer Typografie, die allerdings nicht unwidersprochen bleibt: «Was nützt Lesbarkeit, wenn nichts reizt, einen Text überhaupt zur Kenntnis zu nehmen?», wird so zum Beispiel der deutsche Typograf Wolfgang Weingart zitiert, der in den Sechzigerjahren die Schule für Gestaltung Basel aufmischt. Und 2014 entsteht am Institut Visuelle Kommunikation HGK ein Buchprojekt, das sich auf pointierte Art mit dem aktuellen Informationsüberfluss auseinandersetzt: Die Seiten einer Buchadaption von Thoreaus «Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat» werden erst über einer Flamme lesbar. Dem Weltenbrand entsprungen, wirft die Schweizer Typografie bis heute Funken.

«Charaktertypen», Basler Papiermühle, bis 15. August.