Cartoonmuseum Basel
Klasse, Kultur und Komik: Posy Simmonds zeichnet ihr geliebtes England

Das Cartoonmuseum Basel widmet der britischen Karikaturistin Posy Simmonds eine umfassende Retrospektive.

Tamara Funck
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Mit Cassandra Darke kreierte Posy Simmonds eine betrügerische Kunsthändlerin und 71-jährige Heldin.

Mit Cassandra Darke kreierte Posy Simmonds eine betrügerische Kunsthändlerin und 71-jährige Heldin.

Posy Simmonds, «Cassandra Darke», 2018

In der Schweiz kennt man sie kaum, in ihrer Heimat Grossbritannien ist sie die bedeutendste Karikaturistin und Zeichnerin überhaupt: Posy Simmonds. Das Cartoonmuseum Basel widmet der Künstlerin eine umfassende Retrospektive ihres Werks und zeigt die originalen Zeichnungen, die es im deutschsprachigen Raum noch nie zu sehen gab. «Ich bin so glücklich und so traurig zugleich», sagt Posy Simmonds im Gespräch mit der bz. Die Engländerin freut sich enorm über die Ausstellung in Basel, kann sie leider aber nicht besuchen. Sie bleibt in London, verzichtet zum Schutz ihres Ehemanns aufs Reisen – und wohnt der Vernissage per «Zoom» bei.

«Details sind mir wichtig»

Die 1945 geborene Britin begann ihre Karriere als Zeitungscartoonistin Ende der 1960er-Jahre. Einem breiten Publikum bekannt wurde sie ab 1972 für ihre langjährige Arbeit für «The Guardian». Simmonds fasziniert mit präzisen Porträts, verspottet die Unzulänglichkeiten der Mittelschicht und der Kulturszene, karikiert Biederkeit und kritisiert gesellschaftliche Entwicklungen. Inzwischen dauert ihr Einsatz für die linksliberale Zeitung über 50 Jahre an. Während dieser Zeit veränderte sich die britische Gesellschaft weitreichend. Simmonds spiegelt sie in ihrer Arbeit und lässt daraus Comicstrip auf Comicstrip entstehen.

Geboren und aufgewachsen auf dem Land, verbringt Posy Simmonds ihr Erwachsenenleben in London.

Geboren und aufgewachsen auf dem Land, verbringt Posy Simmonds ihr Erwachsenenleben in London.

Posy Simmonds, «The end of June: Our Friendly Neighbourhood», 1989

Ein halbes Jahrzehnt als zeichnende Beobachterin ist eine lange Zeit. Doch Simmonds’ Neugierde und Blick sind frisch und genau geblieben. Sie arbeitet so wie immer schon: Sie spaziert durch London, beobachtet Menschen, studiert ihre Kleidung, hört Gespräche mit und verarbeitet anschliessend zu Hause ihre Eindrücke in ihrem Skizzenbuch.

«Manchmal sind die Leute so nett, ins Handy zu brüllen, so bekomme ich ganze Gespräche mit», lacht Simmonds. Weil sie nicht Auto fahren kann, ist sie immer zu Fuss unterwegs und entdeckt laufend Neues. «Wenn man das Detail eines Kleidungsstücks, eines Autos absolut richtig hinbekommt, erkennt der Leser darin eine Person aus seinem Bekanntenkreis. Details sind oft Abkürzungen zu einer Botschaft. Sie vermitteln viel und sind mir wichtig», betont Simmonds.

In «Tamara Drewe» geht Simmonds der englischen Mittelklasse und insbesondere der literarischen Kulturszene an den Kragen.

In «Tamara Drewe» geht Simmonds der englischen Mittelklasse und insbesondere der literarischen Kulturszene an den Kragen.

Posy Simmonds, «Tamara Drewe», 2007

Mit ihren eigenwilligen und widersprüchlichen Frauenfiguren Gemma Bovery, Tamara Drewe und Cassandra Darke und den drei gleichnamigen Graphic Novels hat die Cartoonistin international Beachtung gefunden. Längere Textpassagen wechseln mit klassischen Comicsequenzen ab, Bezüge zu literarischen Klassikern fügen den Geschichten weitere Ebenen hinzu.

Die Idee für die Geschichte «Gemma Bovery» zum Beispiel kam Simmonds während eines Urlaubs, als sie eine schöne, gelangweilte junge Frau entdeckte, die sie an Gustave Flauberts «Madame Bovary» erinnerte, ein Buch, das sie als Teenagerin fünfmal gelesen hatte. Sie stellte sich eine moderne, britische Bovary namens Gemma Bovery vor, deren Geschichte Parallelen zu Flauberts Heldin aufweist.

Gesellschaftskritisches Panorama

«Tamara Drewe», inspiriert von einem Roman von Thomas Hardy, beleuchtet den Alltag und das Sexleben britischer Literaten, die im ländlichen Idyll an ihren Büchern schreiben und von der attraktiven Klatschkolumnistin Tamara Drewe fasziniert sind. Die Geschichte will mit ihrem tragisch-spielerischen Humor die Befindlichkeiten des gutbetuchten Teils der bürgerlichen Mittelschicht beleuchteten. Zunächst als Comicstrip in «The Guardian» erschienen, entstand daraus eine Graphic Novel, die später verfilmt wurde und 2010 in Cannes Premiere feierte.

«Cassandra Darke» ist Simmonds jüngste Graphic Novel, diesmal angelehnt an Charles Dickens' «A Christmas Carol». Auch hier steht eine tragische, facettenreiche Frauenfigur im Zentrum. Darke ist eine Londoner Kunsthändlerin, eine egozentrische, kauzige alte Dame mit Wohnsitz im noblen Chelsea. Erst als ein Mordfall sie aus ihrer elitären Enklave hinaus in düstere Londoner Gegenden führt, muss sie einige schmerzliche Einsichten über sich selbst ertragen.

Charles Dickens' «Christmas Carol» inspirierte Simmonds zu ihrer Graphic Novel «Cassandra Darke».

Charles Dickens' «Christmas Carol» inspirierte Simmonds zu ihrer Graphic Novel «Cassandra Darke».

Posy Simmonds, «Cassandra Darke», 2018

«In den vergangenen zehn Jahren ist der Unterschied zwischen reichen und armen Gegenden immer offensichtlicher geworden... Es gibt mehr Obdachlose, mehr städtische Essensausgaben. Gleichzeitig sind die Häuser in Knightsbridge, Chelsea und Kensington Abermillionen wert. Diese Kluft erinnert mich an das viktorianische London, und so landete ich bei Dickens und dann bei ‹A Christmas Carol›», sagt Simmonds über «Cassandra Darke».

Den Titel für die Retrospektive im Cartoonmuseum Basel wählte Simmonds selbst: «Posy Simmonds. Close Up.» Er könnte passender nicht sein. Denn all ihre Arbeiten brillieren mit aufmerksamen und kritischen Beobachtungen zu den sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Grossbritannien.

«Posy Simmonds. Close Up». 28. August bis 24. Oktober 2021, Cartoonmuseum Basel.

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