Künstliche Intelligenz
Es rappelt in der Kiste: Das Haus der elektronischen Künste Basel zeigt lernfähige Maschinen

Im Rahmen der Ausstellung «Schweizer Medienkunst» zeigt das Haus der elektronischen Künste Basel medienbasierte Werke von Studer/van den Berg, Maria Guta und Simone C Niquille.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Maria Guta: «The Many Lives Of Lola Lane».

Maria Guta: «The Many Lives Of Lola Lane».

Franz Wamhof

Memehaft und grell konfrontieren uns Maria Gutas Cyberidentitäten mit Einsamkeit und Isolation. Entstanden im ersten Bukarester Covid-Lockdown, inszeniert sich Guta für ihre neueste Arbeit «Dinner Party» in einer skurrilen Tischgemeinschaft mit ihren verloren und fehl am Platz wirkenden Alter Egos.

Mit einem Koffer voller Perücken und Theater-Make-up habe sie monatelang in ihrer Wohnung festgesessen, erinnert sich Guta. Das fragile Abtasten der eigenen Identität in der medialen Repräsentation zeichnet das Schaffen der Schweizer Künstlerin mit rumänischen Wurzeln aus. Als fiktiver Charakter Lola Lane setzte sich Guta über zwei Jahre mit Stereotypen des digital generierten Selbstbildes von Frauen verschiedenen Alters und sexueller Ausrichtung auseinander.

Die Kreation virtueller Avatare habe als Zeitvertrieb begonnen und später beinahe therapeutische Züge angenommen, erinnert sich Guta. «Ich litt an Depressionen», sagt sie am Presserundgang durch die aktuelle Ausstellung am Haus der elektronischen Künste Basel. Je mehr sie sich in ihre Alter Egos flüchtete, desto drängender habe sie sich die Frage nach Identität und Selbstreflexion gestellt. In «The Many Lives Of Lola Lane» ist die Bildserie erstmals physisch ausgestellt – zwischen Selfies mit Duckface und Kussmund hält sich eine Brünette ihre blutende Nase.

Wie lernen Maschinen?

Aus dem Nebenraum erklingt eine Kinderstimme, über die Leinwand fliegt ein Sofa mit Kuhflecken. «Ist es nun ein Sofa oder eine Kuh?», fragt Kurator Boris Magrini stellvertretend für die abwesende Künstlerin Simone C Niquille, die sich in ihrem 2021 produzierten «Sorting Song» mit der digitalen Objekterkennung beschäftigt. Dabei untersuche sie, wie Maschinen lernten, Objekte zu erkennen, erklärt Magrini und zeigt auf einen Holzstamm, der als Sitzgelegenheit dient.

Simone C Niquille: «Homeschool».

Simone C Niquille: «Homeschool».

Franz Wamhof

«Wir sind anders als Maschinen, weil wir einen Körper haben und diese Objekte benutzen», sagt er. Niquilles kritische Position hebe hervor, wie voreingenommen das Training dieser Maschinen und Algorithmen durch die Verwendung einer Datenbank mit hauptsächlich westlichen Objekten sei, sagt Magrini. Er fügt an: «Müssten sich alle Räume an westliche Standards anpassen, um diese Roboter aufzunehmen?»

Der kritische Ansatz sei allen drei mit einem Pax Art Award Ausgezeichneten eigen, sagt Magrini. Um den verschiedenen künstlerischen Diskursen Rechnung zu tragen, habe er den Kunstschaffenden getrennte Räume zur Verfügung gestellt. Eine Gruppenausstellung zu forcieren, hätte keinen Sinn gemacht, betont Magrini, der bereits die dritte Pax-Art-Awards-Ausstellung kuratiert und von dem Preis schwärmt: «Die substanzielle Förderung durch das Preisgeld ist fruchtbar.»

Bewusstseinserweiterung fürs Smartphone?

Der pulsierende Farbverlauf der generativen Installation des Künstlerduos Studer/van den Berg wirkt hypnotisierend. Im abgedunkelten Raum verstummen die Gespräche. «Nach zehn Minuten spürt ihr die Verbindung», raunt Christian van den Berg den Anwesenden zu. Die zyklischen Bewegungen des «Pharmakogramms» versetzten nicht nur die Betrachter in einen tranceartigen Zustand, behauptet er. Vielmehr erwarte man die bewusstseinserweiternde Wirkung auch für digitale Geräte, sagt das Duo, das mit Game-Engines und verschiedenen digitalen Werkzeugen unsere technologisierte Gesellschaft befragt.

Studer/van den Berg: «Wolfskind Project».

Studer/van den Berg: «Wolfskind Project».

Franz Wamhof

«Per QR-Code wird das menschliche Empfinden mit der Kommunikationsebene alltäglicher Gadgets gleichgeschaltet», sagt Monica Studer und berichtet von mysteriösen Ausfällen der Technik, einem Burn-out für Smartphones sozusagen. Wer sich auf die ironische Mensch-Maschine-Gleichung einlässt, erhält in der neusten Arbeit des Duos von einem Generator aus einer Holzkiste Lebensweisheiten oder spaziert an kichernden Kernen mit künstlicher Intelligenz vorbei.

Die Animationen seien Nachbauten eines als Gottheit verehrten Lernalgorithmus aus einem hypothetischen südamerikanischen Forschungslabor, erklärt das Künstlerduo. «Obwohl sie mit einer Fiktion arbeiten, berühren sie konkrete Themen», betont Kurator Magrini.

Schweizer Medienkunst: Studer/van den Berg, Maria Guta, Simone C. Niquille – Pax Art Awards 2020. Bis 15. August. www.hek.ch