«Reconnect»
Ein musikalisches Blind Date vor Publikum

«Reconnect» in Augusta Raurica: Nach einer langen Konzert-Durststrecke begegnen sich Schweizer Musikschaffende und reflektieren das vergangene Jahr – im Gespräch und musikalisch.

Tamara Funck
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Geboren und aufgewachsen in der Dominikanischen Republik, hat La Nefera immer ein Stück ihrer Kultur bewahrt.

Geboren und aufgewachsen in der Dominikanischen Republik, hat La Nefera immer ein Stück ihrer Kultur bewahrt.

Bild: Flavia Schaub

Ein bekanntes Dilemma: Die internationalen Musikerinnen und Musiker bleiben weg. Sie treten ihre Touren nicht an und stecken zu Hause fest. Ein zweites Jahr ohne Musikprogramm? Das wollte das für die Sommerbespielung zuständige Theaterboard vermeiden, sagt Kommunikationsbeauftragte Stefanie Klär. Es sollte eine Plattform entstehen, um zumindest lokale Musikschaffende zu unterstützen und gemeinsam zu reflektieren. So war «Reconnect» geboren.

Bei der Veranstaltungsreihe im Garten der Villa Castelen bei Augusta Raurica treffen sich an fünf Sonntagen im Juli, August und September insgesamt elf Musikschaffende aus verschiedenen Stilrichtungen. Unter dem Titel «Reconnect» entstehen neue musikalische Kollaborationen und intime Gespräche über Themen, die die Künstlerinnen und Künstler beschäftigen. Morgen Sonntag machen Béatrice Graf und La Nefera den Anfang. Die Schlagzeugerin und die Rapperin haben sich einmal gesehen, aber kennen sich kaum. Ein musikalisches Blind Date vor Publikum, sozusagen.

Der Traum am Existenzminimum

«Ich bin aus dem Koma erwacht und springe gleich über den eigenen Schatten», lacht Jennifer Perez alias La Nefera mit Hinblick auf den morgigen Abend. Die in der Dominikanischen Republik aufgewachsene Musikerin wollte letztes Jahr auf Europatour gehen. Mit neuem Repertoire im Koffer und dem Job am Nagel sollte 2020 ihr Jahr werden. Dafür blieb sie im Baselbiet und schrieb zwei Songs. Für mehr fehlte ihr die Motivation. Mit Béatrice Graf möchte sie genau darüber reden: über fehlende Aussichten, übers Sich-über-Wasser-Halten und emotionale Ressourcen.

Zwar kämen jetzt wieder erste Anfragen aus Deutschland, sagt La Nefera, doch die lange Konzert-Durststrecke brachte viele Fragen auf, allen voran: Warum tue ich, was ich tue? Die Empowerment-Rapperin, die Rhythmen aus ihrer lateinamerikanischen Ursprungskultur, Hip-Hop und elektronischen Klängen vermischt, hat sich auch wegen ihres sozialen Engagements einen Namen gemacht. 2018 gewann sie den Publikumspreis des Basler Pop-Preises und 2020 den Basellandschaftlichen Förderpreis Musik. La Nefera gilt als Kämpferin in einem Genre, in dem Frauen noch immer in der Minderheit sind. Mit starken spanischen Texten, eindringlicher Stimme und unmissverständlicher Forderung nach Respekt steht sie für die Sache der Frau ein. «Mein Engagement zehrt an meinen Ressourcen. Warum mache ich das? Was gibt es mir?», fragt sich die 32-Jährige.

Kollegen aus der Branche sagen ihr, wenn sie sich mit dem Existenzminimum abfinde, könne sie ihren Traum leben. Doch muss sie das so hinnehmen? Und was, wenn sie Kinder möchte? Die Rahmenbedingungen fürs Musikerinnendasein seien jetzt schon prekär – auch ohne Nachwuchs. Dazu käme noch dieser Druck, sich in allen politischen Belangen positionieren zu müssen.

Zu viele Musikschaffende, zu wenig Geld

Anders als La Nefera steht Schlagzeugerin und Komponistin Béatrice Graf seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne und hat auf ihren Tourneen den Erdball schon mehrmals umrundet. Doch auch sie treiben ähnliche Themen um. Neben ihrer Tätigkeit als Musikerin ist sie Präsidentin der Fédération genevoise des musiques de création (FGMC) und setzt sich für nachhaltige Kulturproduktion und -förderung ein. Auf die Frage, ob sich in den letzten drei Jahrzehnten etwas verbessert habe in Sachen Musikförderung, sagt sie Nein. Jedes Jahr schliessen 500 Personen ihre Ausbildung an den Schweizer Musikhochschulen ab, das seien viel zu viele. Denn wenn man so viele Profimusikerinnen und -musiker auf den Markt bringe, müsse man ihnen auch die Möglichkeit geben, von der Musik leben zu können, findet Graf. Das gesamte Geld müsse besser verteilt werden.

Ob improvisierte oder komponierte Musik, Swing, Hardcore, akustische oder elektronische Musik: Béatrice Grafs künstlerische Neugier kennt keine Grenzen.

Ob improvisierte oder komponierte Musik, Swing, Hardcore, akustische oder elektronische Musik: Béatrice Grafs künstlerische Neugier kennt keine Grenzen.

Bild: Palma Fiacco

Die in Genf lebende Musikerin und Gewinnerin des Schweizer Musikpreises 2019 verfolgt die Basler Kulturpolitik und ist eng verbunden mit der IG Musik Basel, die mit ihrer Initiative den Verteilschlüssel für kantonale Musikfördergelder zu erneuern versucht. Die Initiative macht sich unter anderem stark für freischaffende Musikerinnen und Musiker.

Verschmelzung zweier Personen

Das Format «Reconnect» ist ungewöhnlich. Und soll es sein. Ein unverblümter Einblick in den Schweizer Musikeralltag und die Freuden und Sorgen, die die Pandemie hervorgebracht und verstärkt hat. La Nefera ist nervös. Das werde ein intimer Abend, sagt sie. Sie als Person auf der Bühne und als Person neben der Bühne könne man nie wirklich voneinander trennen, aber vor einer solch öffentlichen Verschmelzung habe sie dennoch Respekt.

«Reconnect» macht deutlich: Musik ist gemeinsamer Nenner, der Türen und Gesprächsthemen öffnet, aber Musik ist auch Vorfreude und Neubeginn. Denn jetzt heisst es endlich wieder live, endlich wieder mit Publikum, endlich wieder auf der Bühne!

Reconnect, 4. Juli bis 5. September, mit La Nefera, Béatrice Graf, Evelinn Trouble, Manuel Gagneux (Zeal & Ardor) und weiteren Musikschaffenden, Castelen bei Augusta Raurica, www.theater-augusta-raurica.ch Die Veranstaltung findet nur bei schönem Wetter mit Publikum statt. Die Begegnung wird aufgezeichnet und jeweils am Mittwoch nach dem Anlass von 14 bis 15 Uhr auf Radio X ausgestrahlt, sowie online auf www.theater-augusta-raurica.ch zum Nachhören zur Verfügung gestellt.