Fotografie
Fuhrwerk statt Feuerwerk: So feierte das Baselbiet früher den 1. August

Es dauerte, bis die Landbevölkerung mit dem Nationalfeiertag warm wurde: Sie hatte anderes zu tun, wie Theodor Strübins historische Aufnahmen zeigen.

Hannes Nüsseler
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Erntearbeiter und -arbeiterinnen beim wohlverdienten Znüni oder Zvieri während der Kornernte. Rünenberg, August 1943.
5 Bilder
Undatiertes Bild.
Kirschenernte in Wenslingen, 1958.
Bundesfeier im Liestaler «Pfrund», 1954.
1. August auf dem Liestaler Gestadeckschulplatz, 1950.

Erntearbeiter und -arbeiterinnen beim wohlverdienten Znüni oder Zvieri während der Kornernte. Rünenberg, August 1943.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Bevor es mit der Ernte weitergeht, wird im Schatten eines Baumes gegessen: kein frivoles «déjeuner sur l’herbe» wie bei Manet, sondern ein währschaftes Zvieri im Kornfeld. Malerisch ist aber auch diese Aufnahme von Theodor Strübin (1908–1988) im August des Kriegsjahres 1943 in Rünenberg entstanden; bodenständig, unabhängig und gschaffig. Ein Gruss der Postkartenschweiz zum Nationalfeiertag?

Auf den ersten Blick scheint in einigen Fotos, die der Liestaler Lehrer und Milizoffizier Strübin Mitte des vergangenen Jahrhunderts geschossen hat, mehr Albert Anker zu stecken als in so mancher Sammlung: ungekünstelter Alltag, spielende Kinder, Naturnähe. Aber das ist nur die eine Seite. Ergraute Erntehelferinnen auf dem Feld, die sich nach liegengebliebenen Ähren bücken? Sie tun es nicht dem Motiv zuliebe, sondern weil sie den Hunger kennen. Strübin hält den Moment fest, nicht ein Ideal.

Erntehelferinnen sammeln liegengebliebene Ähren für den Eigengebrauch auf. Liestal, August 1943.

Erntehelferinnen sammeln liegengebliebene Ähren für den Eigengebrauch auf. Liestal, August 1943.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Auch war die heute übliche Gleichsetzung von Bauernsame und Landesstolz nicht immer selbstverständlich. 1891 erstmals in Bern anlässlich des 700-Jahr-Stadtfestes durchgeführt und 1899 offiziell zum Nationalfeiertag erklärt, stiess die 1.-August-Feier zunächst auf wenig Anklang. Im Baselbiet standen Gedenkfeiern zur Basler Kantonstrennung vom 3. August 1833 höher im Kurs. Wie der Baselbieter Volkskundler Eduard Strübin in seinem Buch «Jahresbrauch im Zeitenlauf» schreibt, gab es für die Zurückhaltung aber auch einen ganz pragmatischen Grund: Statt sich «patriotischen Anwandlungen» hinzugeben, so zeitgenössische Stimmen, ruhe sich das «nüchterne Bauernvolk» nach der Feldarbeit lieber aus.

«Das isch für d Fricktaler»

Denn neben der Heuet und der Traubenlese in Gemeinden mit bedeutendem Weinbau war die Getreideernte das grosse «Wäärch» schlechthin. Diese Arbeiten nahmen je nach Witterung mehrere Wochen in Anspruch und absorbierten die ganze Bauernfamilie, Knechte, Mägde und zugezogene Hilfskräfte. Beginn der Heuernte war der 8. Juni, aufgestanden wurde um zwei Uhr morgens, ein Gläsli Schnaps getrunken und dann gemäht, «bis eim d Rippi gyxed hai». Frauen rechten die Halme zusammen, die mit dem Heuwagen in die Scheune geführt wurden.

Bei der Getreideernte, die um den 25. Juli begann, kam zuerst der Roggen an die Reihe. Da das Getreide zunächst noch mit einer Sichel geschnitten wurde, waren viele Hilfsarbeiterinnen und -arbeiter nötig. Volkskundler Strübin bemerkt dazu süffisant: «Diese Tätigkeit scheint den durch die Heimarbeit (Seidenbandweberei, d. Red.) etwas verweichlichten Oberbaselbietern allzu mühsam gewesen zu sein: ‹s Schnide, das isch nit für d Lüt, das isch für d Fricktaler›».

Das «Heufueder» auf dem Heimweg in Büren. Undatiertes Bild.

Das «Heufueder» auf dem Heimweg in Büren. Undatiertes Bild.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Um die eintönige Arbeit aufzulockern, lieferten sich geübte Arbeiter im Kornfeld einen Wettkampf und «schnitten» sich gegenseitig den Weg ab. Wer auf diese Weise «uuseghaue» wurde, musste für den Spott nicht sorgen. Weibliche Hilfskräfte wurden mitunter in Garben eingebunden und «für ein paar Sekunden zappeln» gelassen. Die letzten Ähren auf einem Feld galten noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts als «Glückshämpfeli», ein Kind erntete sie «in den drei höchsten Namen». Mit Blumen zu einem Strauss gebunden, wurden die Ähren zuhause hinter dem Spiegel verwahrt.

Ferien schlagen Folklorismus

Wenn der letzte Heu- und Erntewagen mit einem Tännchen geschmückt heimkehrte, fand die sogenannte Rechen- respektive Sichellöse statt – mit einem grossen Gelage und «Unzucht», wie die Geistlichkeit in früheren Jahrhunderten monierte. Die Schnitterinnen und Schnitter liessen sich den Spass dadurch nicht verderben, noch in einem Gesetz von 1845 war das Tanzen zur Sichellöse ausdrücklich erlaubt. Erst als die effizienteren Sensen auch für die Getreideernte eingesetzt wurden und der Bedarf an auswärtigen Hilfskräften sank, fanden die Lustbarkeiten ein Ende.

Bundesfeier beim «Pfrund» in Liestal, 1954.

Bundesfeier beim «Pfrund» in Liestal, 1954.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Die 1.-August-Feier war dafür ein magerer Ersatz. Höhenfeuer kannte man in den meisten Baselbieter Gemeinden schon von der Fasnacht, und die mit Schiller-Zitaten gespickten Festreden verfingen erst in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als mit der Gefahr des Totalitarismus die geistige Landesverteidigung einsetzte. Bei Kriegsausbruch «war die Teilnahme und Mitwirkung an den örtlichen Bundesfeiern eindrücklich, gross und erhebend wie noch nie», schrieb die «Basellandschaftliche Zeitung» 1940.

Doch schon einige Jahre nach dem Friedensschluss flaute die Begeisterung wieder ab. Grund dafür waren die Ferien, die sich immer mehr Menschen leisten konnten, gepaart mit dem in den Sechzigerjahren aufkommenden Missfallen an Folklorismus und Pathos. Die Faszination fürs Feuer aber blieb, wie Theodor Strübin auf stimmungsvollen Schwarz-Weiss-Fotos aus dem Jahr 1959 festhält: Wenn schon der Nationalstolz nicht vorbehaltlos glüht, dann doch wenigstens das Höhenfeuer, das wie eine Erscheinung von der Sissacherfluh winkt.

Begegnung der patriotischen Art: Augustfeuer auf der Sissacherfluh, 1959.

Begegnung der patriotischen Art: Augustfeuer auf der Sissacherfluh, 1959.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Eduard Strübin: «Jahresbrauch im Zeitenlauf», Verlag des Kantons Basellandschaft, 1991. Mehr Fotografien von Theodor Strübin im Kulturgüterkatalog des Museumverbunds Baselland: www.kimweb.ch.

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