Fotografie
Geschaffen, um Menschen zu erschrecken: In Muttenz wird die Vogelscheuche zum Kunstobjekt

Normalerweise scheuchen sie Vögel auf, in einem französischen Vergnügungspark aber sind Vogelscheuchen die Hauptattraktion. Künstlerin Kelly Tissot hat sie fotografiert.

Mélanie Honegger Jetzt kommentieren
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Der Schuljunge als Vogelscheuche? «Dubious portrait and improper meeting/Schoolboy» von Kelly Tissot.

Der Schuljunge als Vogelscheuche? «Dubious portrait and improper meeting/Schoolboy» von Kelly Tissot.

zvg/Gina Folly

Hätte diese Ausstellung einen Geruch, es wäre der säuerliche Mief von Jutesäcken. Nicht etwa, weil die Kunst von Kelly Tissot verstaubt wirken oder es im Kunsthaus Baselland unangenehm riechen würde. Doch die abstrakten Fotografien der Französin evozieren bei genauer Betrachtung jede Menge sinnlicher Eindrücke: Erinnerungen an pelzige Manchester-Hosen, an juckendes Stroh und stinkende Gummistiefel.

Kelly Tissot.

Kelly Tissot.

zvg

Die Französin mit Jahrgang 1995, die vor zwei Jahren ihr Masterstudium an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) abgeschlossen hat, kann in Muttenz zum ersten Mal in einer institutionellen Einzelausstellung ihre Werke präsentieren. In einem Vergnügungspark im französischen Andilly fand sie ihre Motive: Vogelscheuchen, die nicht der Vogelabwehr dienen, sondern einzig zur Erheiterung der Menschen ausgestellt sind. Sie gärtnern, musizieren oder spazieren Hand in Hand im Wald.

An der Schnittstelle von Fotografie und Grafik

«Gruselig» fand sie indes Tissot, die von den menschenähnlichen Figuren fasziniert war. Die kuriosen Alltagsszenen sind bei ihr nicht zu sehen. Ihre grossformatigen Fotografien überragen die Gäste im Kunsthaus bei weitem, fangen aber ausschliesslich Details ein: Hosenknöpfe, Nähte, Werkzeuge. In ihrer Reduziertheit erinnern die analogen Schwarz-Weiss-Fotografien an Grafiken, deren Motive sich bei Betrachtung aus geringer Distanz in Grauflächen auflösen.

Durchbrechen und lenken den Blick: die metallenen Skulpturen von Kelly Tissot.

Durchbrechen und lenken den Blick: die metallenen Skulpturen von Kelly Tissot.

zvg/Gina Folly

Der Bruch mit der romantischen Vorstellung von Ländlichkeit ist ein Leitmotiv der Künstlerin. Die von Ines Tondar kuratierte Ausstellung «Spurious Crops» (zu Deutsch in etwa «trügerische Ernte») verzichtet denn auch auf jegliche Kontemplation der Natur. Skulpturen aus Stahl und Holz leiten durch die Ausstellung – Abschrankungen, die wie Futtertröge, Käfige oder Zäune anmuten und mit den strohgelben Wänden doch noch etwas Stallgeruch schaffen.

Das Fragmentarische im Fokus

Dennoch bewegt sich die Ausstellung weit weg von Bauernhöfen und üppiger Landschaft. Das liegt in erster Linie am minimalistischen Stil der Künstlerin. Das Fragmentarische der einzelnen Fotografien, die von schwarzen Balken und Linien überlagert sind, wird durch Tissots Skulpturen verstärkt. Diese lenken den Blick auf einzelne Bildausschnitte, separieren Gäste und Motive gleichermassen.

Tissots Fotografien greifen Details auf, die in ihrer Reduktion nicht sofort an Vogelscheuchen erinnern.

Tissots Fotografien greifen Details auf, die in ihrer Reduktion nicht sofort an Vogelscheuchen erinnern.

zvg/Gina Folly

Auch dass die Fotografien regelmässig auf Vogelscheuchenhosen aufgenähte Flicken zeigen, ist kein Zufall. Im Zusammensetzen von Einzelteilen nimmt Tissot die fragmentarische Arbeit erneut auf – und vollendet sie mit dem Druck auf Kunstlederstreifen, die wiederum zusammengenäht sind.

Karge Ästhetik, reichhaltige Symbolkraft

Ein durchdachtes Gesamtkunstwerk also, das sich in dieser Komplexität allerdings entzieht. Auch das Geheimnisvolle, gar Unheimliche, das der Vogelscheuche gemeinhin anhaftet, bleibt bei Tissot weitgehend verborgen. Wer ein Frankenstein'sches Gruselkabinett erwartet, dürfte von der schlichten Ausstellung enttäuscht sein. Vielleicht aber ist es genau dieser Gegensatz zwischen karger Ästhetik und reichhaltiger Symbolik, der reizvoll ist.

«Kelly Tissot. Spurious Crops»
Kunsthaus Baselland, bis 13.11. Vernissage: 22.9., 18.30 Uhr.
www.kunsthausbaselland.ch

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