Fotografie
Kunstmuseen, Flohmärkte, Rasenmähermessen: Fotograf Röné Bringold drückt im richtigen Moment ab

Der Basler Fotograf Röné Bringold fängt mit der Kamera witzige Momente aus dem Alltag ein. In einem Buch versammelt er Bilder aus den vergangenen 15 Jahren. Eine Auswahl davon ist, in der Galerie Eulenspiegel zu sehen.

Mélanie Honegger Jetzt kommentieren
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Fondation Beyeler, Riehen. Fotografie aus dem Jahr 2009.

Fondation Beyeler, Riehen. Fotografie aus dem Jahr 2009.

Bild: zvg/Röné Bringold

Seit Röné Bringold mit seiner neuen Leica-Kamera unterwegs ist, kann er zufällige Begegnungen des Alltags noch besser einfangen. Die Kamera ist so klein und unscheinbar, dass er die Linse teils unbemerkt auf sein Gegenüber richten kann. Ein Vorteil, den Bringold auszunutzen weiss. In Ausstellungen stellt er sich gerne auch einmal hinter ein Kunstwerk, um die Reaktionen des Publikums abzulichten. Er dreht den Blick um und fotografiert Personen bei der Kunstbetrachtung.

Bilder zum Schmunzeln und Staunen entstehen dabei. In der Fondation Beyeler, einem seiner liebsten Orte zum Fotografieren, lichtet Bringold 2009 einen Mann ab, der ein Kunstwerk besonders genau betrachtet. Der Gast beugt sich nach unten und beäugt die orangen Lichtstrahlen, die Jenny Holzers Installation «For Chicago» aussendet.

Junge Frau vor antiken Statuen

Im British Museum in London ist es der Kontrast zwischen der Besucherin und den ausgestellten Statuen, der den Fotografen fasziniert. In pinkem Jupe und mit ebenso bunten Accessoires steht die junge Frau vor den antiken Statuen, den Kopf genau auf Höhe des Intimbereichs. Das ist kein Zufall, sondern dem bewussten Abwarten des Fotografen geschuldet, der den richtigen Moment erwischen wollte.

British Museum, London, 2022. Der Kontrast zwischen Moderne und Antike fasziniert den Fotografen.

British Museum, London, 2022. Der Kontrast zwischen Moderne und Antike fasziniert den Fotografen.

Bild: zvg/Röné Bringold

Beim Besuch im Aargauer Kunsthaus beobachtete Bringold vor einigen Jahren einen älteren Herrn mit schwarzem Mantel und elegantem Hut. Mit der dunkelgrünen Wand im Hintergrund entstand ein Bild, das beinahe wie ein Kunstwerk anmutet. «Inszeniert ist aber keine der Fotografien», betont Bringold, «für mich ist der Moment wichtig.»

Kunst mit humorvoller Komponente

Ausstellungsfotografien sind freilich nicht die einzigen Kunstwerke im Repertoire von Bringold. «Ich bin neugierig und ungeduldig», sagt der Fotograf von sich selber. Er möchte die Menschen mit seinen Bildern zum Schmunzeln bringen, mag selber auch am liebsten Kunst, die eine humorvolle Komponente hat.

«Stundenlang Landschaften zu fotografieren, wäre nichts für mich. Ich hätte ständig das Gefühl, etwas verpasst zu haben.» So wie kürzlich, als er in Basel einen Velofahrer mit Kind im Kindersitz und einem übergrossen, farbigen Weihnachtspaket in den Armen sah. «Leider hatte ich meine Kamera nicht griffbereit, das hätte ein super Bild gegeben», sagt der Fotograf, und das Bedauern ist echt. Es fuchst ihn, wenn er ein tolles Motiv nicht festhalten kann.

Rasenmäher in Yorkshire, Flohmarkt in Paris

Nach zwölf Jahren als Inhaber einer Designagentur sucht Bringold heute die Unabhängigkeit und die Abwechslung. Dazu reist er quer durch Europa. Auf seinen Reisen zieht es ihn an belebte, teilweise skurrile Orte: in Jazzclubs, Irish Pubs, aber auch an eine Rasenmäherschau im englischen Yorkshire oder an den bekannten Flohmarkt an der Pariser Porte de Clignancourt.

Den richtigen Moment erwischt: Fotografie aus dem Aargauer Kunsthaus, 2018.

Den richtigen Moment erwischt: Fotografie aus dem Aargauer Kunsthaus, 2018.

zvg/Röné Bringold

In Prag fotografiert er einen Mann im orangen Overall, der die Strasse reinigt, hinter ihm eine Swarovski-Filiale. «Manche Leute fragen mich, ob die Bilder gemalt oder fotografiert sind», erzählt Bringold. Tatsächlich wirken die Fotos auf den ersten Blick hin und wieder wie Gemälde, was an den Farben, vor allem aber an den geschickten Bildkompositionen liegt.

«Seine Bilder geben die Stimmung dieser Orte wieder», schreibt Kunsthistoriker Heinz Stahlhut in Bringolds Fotoband, der Arbeiten aus 15 Jahren versammelt. «Museen sind heute eben nicht mehr die erhabenen Tempel der hehren Kunst, sondern erfreulicherweise offen für alle.»

Ein kleiner Junge ruht sich im Kunstmuseum Chur aus. Fotografie aus dem Jahr 2013.

Ein kleiner Junge ruht sich im Kunstmuseum Chur aus. Fotografie aus dem Jahr 2013.

zvg/Röné Bringold

Und es stimmt: Wer Bringolds Bilder betrachtet, erfährt viel darüber, wie vielfältig das heutige Kulturpublikum zusammengesetzt ist. Der Fotograf selber beobachtet bei seinen Sozialstudien nicht nur bei der Durchmischung der Gruppen einen Unterschied, sondern erkennt auch, wie sich das Auftreten der Personen gewandelt hat. «Die Körperhaltung der Menschen hat sich extrem verändert», erzählt er. Seit alle ein Smartphone besitzen, sei der Blick, ja der ganze Oberkörper viel stärker nach unten gewandt.

Trotzdem bleibt der Blick auf seine Mitmenschen liebevoll. Egal, ob Paradiesvogel oder Normalo, voyeuristisch sind Bringolds Bilder trotz der Intimität, die sie bisweilen vermitteln, nicht. Das macht sie zu einem verblüffend amüsanten Zeitzeugnis unserer Gesellschaft.

Röné Bringold: Fotografien
Galerie Eulenspiegel, Basel. Bis 7.1.

«Kunststücke – Feats of Art»
Röné Bringold, Heinz Stahlhut. 244 Seiten, 48 Franken.

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