Graphic Novel
Die Kinder des Krieges von Delémont

Mit «bei mir, bei dir» legt die Wahlbaslerin Maeva Rubli und Anisa Alrefaei Roomieh ein berührendes Buch über eine syrische Flüchtlingsfamilie vor.

Hannes Nüsseler
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Anisa Alrefaei Roomieh nach der Geburt ihrer ersten Tochter.

Anisa Alrefaei Roomieh nach der Geburt ihrer ersten Tochter.

Maeva Rubli/Edition Moderne

Das Buch blutet, rot von einer Geburt, rot vom Bürgerkrieg. Marya heisst das Mädchen und Syrien das Land, in das es geboren wird. «Warum solltest du kommen?», dichtet die Mutter Anisa Alrefaei Roomieh in ihrer Verzweiflung. «Hilf mir, Tochter, und stirb …», doch das «Kind des Krieges» stirbt nicht, und zusammen mit ihrem Mann und ihrer Mutter gelingt Roomieh die Flucht nach Europa, in die Schweiz.

Das Buch atmet, Farben, Licht und Schatten. Roomieh erzählt der Zeichnerin Maeva Rubli von ihren zwei Leben – demjenigen, das sie zurücklassen musste, und dem neuen in Delémont. Die Illustratorin malt die Unterhaltung aus ihrer eigenen Perspektive, in Primärfarben, mit offenen Konturen. Erzählt die Syrerin von ihrem alten Zuhause, zerfliessen die Farben zu Ornamenten. Schildert sie den Schrecken des Krieges, fixiert die Zuhörerin betreten die eigenen Zehenspitzen: Hier gibt es nichts zu sehen. Doch dann nimmt Roomieh die Hände wieder von ihrem Gesicht und lächelt: «Maschallah. All das war Gottes Wille.»

Kennen gelernt hat die 25-jährige Wahlbaslerin Maeva Rubli die 32-jährige Syrerin in ihrer Heimatstadt Delémont. «Ein schöner Zufall», sagt Rubli, die an der Hochschule Luzern Illustration studiert hat. «Anisas Mutter ist Hebamme wie meine Mutter auch.» Die Syrerin kam zum Essen, bot Rubli an, ihr Arabisch beizubringen. «So entwickelte sich ein Austausch zwischen uns.»

Farben zerfliessen zu Ornamenten.

Farben zerfliessen zu Ornamenten.

Maeva Rubli/Edition Moderne

«bei mir, bei dir» ist das Kondensat vieler Besuche. «Ich habe unsere Unterhaltungen zwar aufgezeichnet und während der Gespräche viel beobachtet, aber gemalt habe ich aus dem Gedächtnis», erzählt Rubli, die Roomieh zur Mitautorin ihrer Graphic Novel macht. Als sie die Geschichte umsetzte, entschied sich Rubli gegen einen allzu realistischen Ansatz: «Ich habe mir die Freiheit genommen, eigene Bilder zu entwickeln», sagt sie. «Wenn man authentisch sein will, muss man sich selbst einbringen.»

Organischer Prozess

Für ihre subjektive Erzählung recherchierte Rubli keine Fakten über Syrien, sondern zog sich zum Malen in das Haus ihrer Eltern zurück. «Ich habe mir überlegt, an welchem Ort ich mich wohlfühle, was ich auf keinen Fall würde aufgeben wollen.» Zunächst hatte Rubli geplant, ein Storyboard für die Geschichte zu erstellen. Doch mit den roten Bildern von Maryas Geburt, spontan und provisorisch gemalt, entwickelte «bei mir, bei dir» eine eigene Dynamik.

«Es war ein organischer Prozess, ich habe Bilder hinzugefügt, weggenommen und ausgetauscht», sagt die Zeichnerin. «Anisas Erzählungen haben eine Melodie, die ich unbedingt wiedergeben wollte.» So wurde aus dem Storyboard das fertige Buch.

Hautfarbene Ballons.

Hautfarbene Ballons.

Maeva Rubli/Edition Moderne

Heitere Szenen gibt es, etwa wenn sich die Syrerin daran erinnert, wie sie als Kind den Kondomvorrat ihrer Mutter plünderte und zuletzt ein ganzer Schulhof mit hautfarbenen Ballons bespielt. Ihre neue Heimat betrachtet Roomieh mit grosser Dankbarkeit – ausser wenn die ehemalige Aussendienstmitarbeiterin für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Französisch lernen und arbeiten möchte. «Wer kümmert sich um deine Kinder?», heisst es dann, und Roomiehs stumme Empörung füllt eine ganze Seite.

Als Ort des Austauschs versteht Rubli ihr Buch; als Offerte, sich für die Komplexität anderer, aber auch der eigenen Person zu öffnen. «Eine naive Hoffnung vielleicht», sagt sie. Neben Auftragsarbeiten, Comics und Kinderbüchern plant Rubli mit Roomieh bereits ein neues Projekt. «Wir wollen ihre Gedichte auf Plakate bringen, damit sie zu den Menschen sprechen können.»

Maeva Rubli, Anisa Alrefaei Roomieh: «bei mir, bei dir», Edition Moderne, 2021. www.editionmoderne.ch

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