Happening
24 Stunden für Joseph Beuys in Basel

Das Kunstmuseum Basel Gegenwart feiert den 100. Geburtstag des Künstlers mit einem Experiment.

Hannes Nüsseler
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«Nicht uninteressant»: Museumsdirektor Josef Helfenstein (auf Bockleiter) begrüsst die Gäste.

«Nicht uninteressant»: Museumsdirektor Josef Helfenstein (auf Bockleiter) begrüsst die Gäste.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Gute Frage: «Why do you hate Beuys?» steht auf den gelben Bezügen der Matratzenlandschaft, die sich im Foyer des Kunstmuseum Basel Gegenwart breitmacht. Die Sitz- und Liegegelegenheiten sind Teil einer mobilen Bühne, die anlässlich von Joseph Beuys’ 100. Geburtstag im Einsatz steht: Vom kommenden Samstag auf Sonntag findet das Happening «24 Stunden – für Joseph Beuys» statt, mit einem schier ausufernden Angebot an Führungen, Lesungen, Performances, Konzerten, Übernachtungen – und Wahrsagerei.

Doch zurück zur Frage, was an Beuys denn nun auszusetzen ist. Vielleicht die Tatsache, dass der selbsternannte Schamane im Zweiten Weltkrieg als Bomberflieger unterwegs war, wie ein Graffito vor dem Museum insinuiert? Oder geht es auch eine Nummer kleiner? Jules Pelta Feldman, Kunsthistorikerin und Kritikerin, kommentiert das Unbehagen an der Künstlerpersona so: «Beuys ist als Figur nun einmal unvermeidbar. Er ist so einflussreich, dass man sich ganz einfach mit ihm auseinandersetzen muss.»

Stürmische Liebesaffäre mit Basel

Und in Basel fällt diese Auseinandersetzung leicht, führt Museumsdirektor Josef Holenstein aus und steigt dafür eigens auf eine metallene Bockleiter («nicht uninteressant»): Lässt sich die Existenz des Kunstmuseum Basel Gegenwart doch ­direkt auf das Wirken Beuys’ zurückführen. Mäzenin Maja Sacher-Stehlin hatte die Gründung des Museums 1980 als Showroom für den Künstler ermöglicht.

Zu diesem Zeitpunkt war die stürmische Liebesaffäre zwischen dem kontroversen Künstler und Basel bereits in vollem Gang. Nach dem skandalumwitterten Ankauf seines Werkes «Feuerstätte» und hitzigen Debatten über Sinn und Unsinn zeitgenössischer Kunst nahm Beuys 1978 die Einladung einer Fasnachtsclique an, ihren Umzug künstlerisch zu begleiten. Die Requisiten, die dabei an­fielen, wurden wiederum im Sinne eines Upcyclings zu Kunst veredelt – auch diesbezüglich hielt es der ehemalige Direktkandidat für die «Grünen» im Europaparlament mit der Nachhaltigkeit.

Böser Beuys? Graffito vor dem Kunstmuseum Basel Gegenwart.

Böser Beuys? Graffito vor dem Kunstmuseum Basel Gegenwart.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Nichts sei im Zusammenhang mit Beuys abgeschlossen, sagt Co-Kuratorin Maja Wismer, die ebenfalls aufs Treppchen steigt: Darum sei die Anmutung einer Baustelle im Foyer auch so passend. «Beuys selbst hat das Museum als vielfältigen Raum begriffen, der das Leben und die Kunst miteinander verbindet.» Zwar sei man darauf bedacht, dass Beuys das Kunstmuseum Basel Gegenwart nicht mehr so dominiere. «Trotzdem tragen wir ihm natürlich Sorge: Ab und zu muss man sein Werk wachkitzeln, um ihn zu spüren.» Nun biete sich dafür Gelegenheit – nicht, um den ganzen Beuys aufzuwecken, sondern speziell den «Basler».

Wie Co-Kurator Daniel Kurjaković erklärt, soll das 24-Stunden-Projekt aber nicht nur ehrerbietig mit dem Jubilar umgehen. Ein Format namens «Das desorganisierte Klassenzimmer» bringt auch jüngere, feministische Stimmen zu Wort, die den Gestus des sich heroisch selbst verausgabenden Künstlers hinterfragen.

Proben in fröhlichem Chaos

Der Basler Theater- und Opernregisseur Stephan Müller wird zudem ein verschriftlichtes Künstlergespräch wieder aufnehmen, das Beuys 1985 auf Einladung von Jean-Christophe Ammann mit drei weiteren Künstlern in der Kunsthalle führte. «Das war ein wahres Streitgespräch mit ­beeindruckender Aggressionsleistung», sagt Müller mit raumgreifender Stimme. Das Thema: Was ist Europa? «Das Buch leuchtet nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in die Zukunft», erklärt Müller, der das Zusammentreffen neu inszenieren wird. «Die Proben finden in fröhlichem Chaos statt.»

«24» mit J. B. also. Wobei sich das Vermittlungsprogramm zu Beuys’ radikalpädagogischem Ansatz über einen längeren Zeitraum erstrecken wird. Eine ganze Menge Stoff kommt da zusammen. «Er kann einen schon erschlagen, dieser Beuys», schliesst Maja Wismer frohgemut. «Nehmen wir’s trotzdem locker.»

24 Stunden – für Joseph Beuys. Sa, 23. 10. 17 Uhr bis So, 24 10., 17 Uhr. Programm unter www.kunstmuseum.ch

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