«Hingucker» Teil 3
Mixturen für Mensch und Vieh aus Gelterkinden

Baselbieter Museen stellen sich mit einem Lieblingsstück vor. Diese Woche: die Stiftung Ortssammlung Gelterkinden.

Urs Kühnis
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Ladenfront der Drogerie Berger aus den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts.

Ladenfront der Drogerie Berger aus den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts.

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Es gibt wohl nicht mehr viele Menschen in Gelterkinden, die sich an die wunderschön gearbeitete, mächtige Ladenfront der Drogerie Berger beim Dorfplatz erinnern können. Um 1933 entstanden, diente sie dem jungen Drogisten Hugo Berger als Verkaufsregal für allerlei Kräuter, Chemikalien, Pülverchen und Essenzen – Dinge eben, die in einem solchen Laden über den Verkaufstisch gingen. Die Einrichtung war irgendwann nicht mehr zeitgemäss, und der ehemalige Besitzer schenkte sie der Stiftung Ortssammlung Gelterkinden.

Als Hugo Berger (1911–2008) im Alter von 22 Jahren seine Ausbildung zum Drogisten in Basel und Neuenburg abgeschlossen hatte, konsultierte er das Telefon- und das Handelsadressbuch und stellte entzückt fest, dass in Gelterkinden keine Drogerie eingetragen war. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: «Mein Vater erwarb für mich eine Liegenschaft beim Dorfplatz und liess einen Laden einbauen.» Das Sortiment seiner Drogerie bestand anfänglich aus 1200 Artikeln und wurde allmählich auf 14'000 Artikel (1990) erweitert. Viele Präparate wurden nach Rezepturen aus Fachbüchern hergestellt, etwa Salben und Mixturen für Mensch und Vieh.

Nach Rezepturen aus Fachbüchern hergestellte Präparate.

Nach Rezepturen aus Fachbüchern hergestellte Präparate.

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Drogisten standen teilweise in Konkurrenz zu den Apotheken. «Irgendein Kopf- oder Zahnwehpulver zu verkaufen, war uns nicht gestattet. Ja, wir durften den Leuten nicht einmal einen Tee mischen.» Bussen wegen der Vergehen gegen die schikanösen Vorschriften waren an der Tagesordnung. Berger setzte sich auf gesamtschweizerischer Ebene für seinen Stand ein und gemeinsam erreichte man eine gewisse Lockerung bezüglich des Verkaufs von rezeptfreien Medizinalprodukten.

Gegen Grossverteiler wächst kein Kraut

Die Blütejahre der Drogerien dauerten bis etwa in die 1980er-Jahre. Immer mehr typische Drogerieartikel (Gesundheit, Kosmetik, Reinigung, Sanität, Naturheilmittel usw.) gelangten in das Sortiment der Grossverteiler, bis selbst einfache Medizinalprodukte in den Regalen von Migros und Coop vorhanden waren. Das breite Sortiment eines Drogeriefachgeschäfts war nicht mehr konkurrenzfähig. Ein Drogeriegeschäft ums andere musste schliessen. Von den drei Drogerien, die es in Gelterkinden noch 2010 gab, existiert keine mehr. Eine Drogerie Berger, geführt von Nachkommen des Gründers, gibt es heute noch in Sissach.

Hugo Berger vergoss sein Herzblut noch in eine weitere Unternehmung: die Familienherbergen. Die Genossenschaft FH ermöglichte in der Nachkriegszeit bis Ende des letzten Jahrhunderts Familien aus bescheidenen Verhältnissen Ferien in attraktiven Destinationen der Schweiz zu erschwinglichen Preisen. Der Idealist scheiterte mit diesem Pionierwerk schliesslich aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Stiftung Ortssammlung Gelterkinden (OSG) verfügt über mehrere tausend historische Objekte, Kunstwerke, Fotos und Dokumente mit Bezug zu Gelterkinden und organisiert regelmässig thematische Ausstellungen. Das grösste Objekt der «Sammlung» ist das Jundt-Huus. Geplant ist, dass im kommenden Jahr das Depot im Werkhof Fääli in ein Schaudepot verwandelt wird. Mehr zur OSG auf www.osgelterkinden.ch.

Diese Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit dem Museumsverbund Baselland. Weitere spannende Museumsobjekte finden Sie im Kulturgüterportal www.kimweb.ch.

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