«HINGUCKER» TEIL 9
Ein Haarkamm für den spanischen Hof

Baselbieter Museen stellen sich mit einem Lieblingsstück vor. Diese Woche: das Dorfmuseum Therwil mit dem Spanierkamm.

Paul Gutzwiller
Drucken
Teilen
War am spanischen Hof beliebt: der Spanierkamm.

War am spanischen Hof beliebt: der Spanierkamm.

zvg / Paul Gutzwiller

Kopfschmuck – wie der abgebildete, beinahe hundertjährige Spanierkamm – stammt nicht etwa aus Spanien, wie man nach seiner populären Bezeichnung vermuten könnte – nein, er wurde in einem kleinen Familienbetrieb in Therwil hergestellt.

Den Namen Spanierkamm erhielt er, weil sich derartiger Haarschmuck damals bei den edlen Damen im Umkreis des spanischen Hofes besonders gut absetzen liess. Gegründet wurde die Kammfabrik Balloid 1915 von Otto und Marguerite Wegen­stein-Staehelin. Bis in die 1940er-Jahre war sie mit rund 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Leimental die grösste Arbeitgeberin.

Ein Spanierkamm entstand damals in voller Handarbeit. In der Kammi, wie die Fabrik von den Einheimischen liebevoll bezeichnet wurde, verwendete man dafür Platten aus Zelluloid, einem Kunststoff, der 1896 erstmals in der Kammproduktion zum Einsatz kam. Die Grundform des Kamms entstand durch Aussägen oder Stanzen. Die weitere Arbeit erledigten die feinen Hände einer einheimischen Bauerstochter in Heimarbeit. Ihre Entlöhnung war ein willkommener Zustupf in die Familienkasse.

Nach einem Farbabklatsch auf Papier oder nach einer Schablone sägte sie die feinen Löcher des ­Dekors aus. Eine geübte Sägerin konnte gut und gerne bis zu 50 Rappen pro Stunde verdienen. Dies mag aus heutiger Sicht nach einem bescheidenen Verdienst aussehen. Betrachten wir aber den Lohn eines Schmieds jener Zeit, der für seine Arbeit in der Stunde etwa das Doppelte verlangte, so war dies doch ein anständiger Batzen.

Kochend heisses Wasser für die richtige Form

Die weiteren Arbeitsschritte erfolgten in der Fabrik durch einen Kammmacher. Er verpasste dem entstehenden Zierkamm auf seinem dreibeinigen Kluppenstuhl – so nannte sich seine ganz spezielle Werkbank – den letzten Schliff: Er entfernte die beim Sägen am Rohstück entstandenen scharfen Kanten und Brauen. An einer Poliermaschine verpasste er dann dem inzwischen bereits erkennbaren Prachtstück den gewünschten Hochglanz.

Nun musste der immer noch plattenartig flache Zierkamm die passende Kopfform erhalten. Diese liess sich in kochend heissem Wasser durch Druck über eine entsprechende Schablone erreichen. Verkaufsfertig war der schmucke Spanierkamm aber erst mit der golden glänzenden Herkunftsprägung ­Balloid.

Mehr über die Geschichte der Kammfabrik Balloid und unsere weiteren Sammelgebiete können Sie bei uns im Dorfmuseum Therwil erfahren. Das Museum ist von Februar bis Mai und von August bis November jeweils am letzten Sonntag im Monat geöffnet.

Diese Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit dem Museumsverbund Baselland. Der Autor des heutigen Beitrags ist Präsident der Therwiler ­Museumskommission. Weitere Infos finden Sie im «Birsigtal­-Boten» sowie unter www.kimweb.ch und www.dorfmuseum-therwil.ch.

Aktuelle Nachrichten