«Information (Today)»
Verschlüsselte Vermögen und Margaret Thatchers Mumie in der Kunsthalle Basel

Mit «Information (Today)» erinnert die Kunsthalle Basel an eine legendäre New Yorker Ausstellung vor 51 Jahren.

Christoph Dieffenbacher
Merken
Drucken
Teilen
Installationsansicht mit Gabriel Kuris «Balance of the Invisible and the Foreseeable» (vorne) und Nora Turatos «Your bed is a magical place where you remember all the things you forgot during the day / your vanity is powerful enough to defeat anything» (hinten).

Installationsansicht mit Gabriel Kuris «Balance of the Invisible and the Foreseeable» (vorne) und Nora Turatos «Your bed is a magical place where you remember all the things you forgot during the day / your vanity is powerful enough to defeat anything» (hinten).

Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Ein Wort, das kaum mehr jemand braucht, ist «Informationszeitalter» – so selbstverständlich ist das Leben mit digitalen Daten aller Art geworden. Wir sind mittendrin. Zusammen mit einer laufend weiterentwickelten Technologie hat das sprunghafte Wachstum von Informationen dazu geführt, dass Computer und Chips für die meisten zum Alltag gehören. Doch wer sie kritiklos anwendet, vergisst ihre Schattenseiten: Persönliche Daten wie gefakte News reisen innert Sekunden um die Welt, neue Überwachungs- und Kontrollsysteme machen sich breit.

Aus einer pointiert politischen Haltung

«Information» nannte sich im Sommer 1970 eine wegweisende Überblicksausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, als die Ära der modernen Technologien eben erst begonnen hatte. Über 150 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt versuchten, darzustellen, oft aus einer pointiert politischen Haltung, wie Informationen verbreitet, abgerufen und wahrgenommen werden. Es war auch ein früher Höhepunkt der Konzeptkunst: Oft war das Publikum direkt beteiligt, indem es an einer Umfrage zum Vietnamkrieg teilnehmen oder sich in Räumen mit Betten entspannen konnte. Ein Performancekünstler liess sich seine Post täglich ins Museum liefern, ein anderer stellte eine Telefonnummer vor, über die sich Gedichte anhören liessen.

Wie ganz anders sieht die technologisierte Welt von heute aus! Lose anknüpfend an die New Yorker Schau vor 50 Jahren, stellt Kunsthalle-Direktorin Elena Filipovic mit «Information (Today)» eine Auswahl von Werken von 16 internationalen Künstlerinnen und Künstlern vor. Alle nach 1970 geboren, haben sie sich des aktuellen Umgangs mit der immensen Menge an Informationen und Daten angenommen. Doch überraschenderweise sind hier weder Computer noch Kameras, VR-Brillen oder chipbestückte Kleidungsstücke zu sehen. Vielmehr steht man vor scheinbar herkömmlichen Gemälden, Skulpturen, Objekten und Installationen, die es in sich haben – die Technologie ist unter der Oberfläche versteckt.

Die inneren Bestandteile eines Landjägers

So bringt die US-Künstlerin Laura Owens ihre grossen, von schwarzen Pixeln und farbigen Motiven übersäten Gemälde zum Sprechen: Wer ihnen per SMS eine Frage schickt, erhält unmittelbar darauf eine Reaktion, sowohl gesprochen als auch auf das Handy. Zum Beispiel kam auf die Frage «Wie heisst du?» die Antwort zurück: «Landjäger is a semidried sausage traditionally made from …», worauf die inneren Bestandteile der bekannten Wurst aufgezählt werden. Dass die sprechenden Gemälde oft gar nicht auf die gestellten Fragen eingehen, hat einen ironischen Hintersinn: Die Kommunikation läuft technisch zwar perfekt, ist aber von Missverständnissen bedroht und offenbart die Grenzen künstlicher Intelligenz.

Blick auf Simon Dennys, «Remainder 1» (rechts) und «Remainder 2» (mitte), sowie Sondra Perrys «IT’S IN THE GAME ‘18 or Mirror Gag for Projection and Three Universal Shot Trainers with NasalCavity, Pelvis, and Orbit» (links).

Blick auf Simon Dennys, «Remainder 1» (rechts) und «Remainder 2» (mitte), sowie Sondra Perrys «IT’S IN THE GAME ‘18 or Mirror Gag for Projection and Three Universal Shot Trainers with NasalCavity, Pelvis, and Orbit» (links).

Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Die Ausstellung empfängt die Besuchenden mit einer Formation von glitzernden Gebilden aus verspiegeltem Edelstahl. Die Französin Marguerite Humeau hat an ihre Spitze eine Art Sphinx als Wächterin gestellt und sie mit Funkkommunikation und LED-Lichtern ausgestattet. In einem hinteren Raum stehen wie Mumien die Daunenschlafsäcke des Neuseeländers Simon Denny, genäht aus Seidenfoulards von Margaret Thatcher aus einer Onlineauktion. Weniger prächtige Schlafsäcke verweisen bei Gabriel Kuri dagegen auf Obdachlose nach der Immobilienkrise, die verstreuten Kleider und Rucksäcke in der Soundinstallation von Sung Tieu auf Krieg und Migration.

Gefragte Verstecke im Netz

Kritisch bis anklagend nehmen sich die meisten Arbeiten die negativen Seiten der weltumspannenden Technologie- und Informationssysteme vor: mit dem Ausschluss von Menschen durch Fragebögen und Formulare, der Zerstörung der Umwelt, der Massenproduktion von Waren und der Allgegenwart von globalen Marken. «Wir sind alle Gefangene von Informationen – immer mehr bestimmen Zahlen und Statistiken unser Leben», sagt Filipovic beim Rundgang. Wenn die Daten derart allumfassend sind, sind versteckte Orte gefragt – auch im Netz: Eine Installation verspricht dem Publikum einen Zugang zum sogenannten TOR-Netzwerk, um sich im Internet und Darknet anonym zu bewegen.

Eines der jüngsten Werke, ebenfalls von Simon Denny in Zusammenarbeit mit einem deutschen Wirtschaftswissenschafter, gibt es nur in digitaler Form: ein sogenanntes Non-Fungible Token (NFT), ein definiertes einmaliges Objekt im Gebiet der Kryptowährungen, wie sie weit weg von Banken und staatlichen Kontrollen entstehen. Der Künstler werde sein immaterielles Werk versteigern und den allfälligen Gewinn zwischen der Kunsthalle und dem Kanton Basel-Stadt aufteilen, heisst es – für Energiesparmassnahmen. Damit würde etwas von den verschlüsselten digitalen Vermögenswerten, die riesige Mengen an Strom verbrauchen, wieder an die Allgemeinheit zurückfliessen.

«Information (Today)», Kunsthalle Basel, bis 10. Oktober 2021.
Geöffnet Di – So, 11 – 17/18 Uhr, Do bis 20.30 Uhr.
Infos und Begleitprogramm: www.kunsthallebasel.ch