Jubiläum
Jünger und professioneller: Dirigent Christian Knüsel hat das Neue Orchester Basel umgekrempelt

Fast drei Jahrzehnte lang stand das Neue Orchester Basel immer wieder in der Kritik. Erneuert hat es der Dirigent Christian Knüsel, der mit seinem Orchester am Sonntag in die Jubiläumssaison startet.

Mélanie Honegger Jetzt kommentieren
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Christian Knüsel, Dirigent und Leiter des Neuen Orchesters Basel.

Christian Knüsel, Dirigent und Leiter des Neuen Orchesters Basel.

Kenneth Nars

«Wie David gegen Goliath», sagt Christian Knüsel, wenn er nach der Rolle seines Orchesters auf dem Platz Basel gefragt wird. Der Dirigent feiert mit seinem Neuen Orchester Basel (NOB) dieses Jahr das vierzigjährige Bestehen. An die zehn Orchester gibt es hier, von der Politik gefördert und der breiten Bevölkerung bekannt ist aber vor allem eines: das Sinfonieorchester.

Das Neue Orchester Basel hingegen kennen viele nicht – und wer sich über dessen Vergangenheit informiert, merkt, dass das Orchester schwierige Zeiten erlebt hat. Das zeigen die negativen Kritiken, die es auch in dieser Zeitung immer wieder gab. «Unsorgfältig und beiläufig abgespielt» wirke das Programm, so das Urteil des bz-Kritikers im Jahre 2009. Noch vernichtender war die «Basler Zeitung»: «Ohne Schliff, ohne Zugabe», schrieb sie 2003. Für den damaligen Dirigenten und Gründer des Orchesters, Béla Guyas, war das zu viel: Er erteilte der «BaZ» ein Hausverbot.

Das Orchester «wie ein Phönix» beflügelt

Guyas, der 2012 nach langer Krankheit verstarb, hat für das Orchester gelebt. «Es gab einen Moment, da wollte er es plötzlich mit ins Grab nehmen», sagt sein Nachfolger Christian Knüsel, der als Student auch einmal selbst im Orchester mitspielte, heute. Nur mit viel Überzeugungsarbeit konnte Knüsel den Gründer noch umstimmen. Eine schwierige Aufgabe für den Dirigenten. Glamouröser formuliert es der ehemalige Basler FDP-Regierungsrat Hans-Rudolf Striebel, lange Zeit Vorstandspräsident des Orchesters, in der Jubiläumsbroschüre: «Wie ein Phönix» habe der junge Dirigent die Führung übernommen und das Orchester «beflügelt». Dieses tritt seit Knüsels Antritt deutlich professioneller auf. Auch die Kritiker von damals sind verstummt.

Viel Aufwand für ein grosses Privileg

Den allgemeinen Trend rückläufiger Abo-Zahlen spürt aber auch das NOB. 200 Abonnentinnen und Abonnenten verzeichnet das Orchester heute. Von einer Überalterung des Publikums möchte Knüsel dennoch nicht sprechen. «Ich finde es blöd, ältere Konzertbesucher so negativ abzustempeln», sagt er dann, «jeder Mensch ist gleich viel wert.» Doch die Sorge, das Publikum könnte eines Tages ganzausbleiben, geht auch an Knüsel nicht spurlos vorbei. Er bringt Schwung mit, Elan, aber die Arbeit für das Orchester sei auch «ein riesiger Kraftakt», und zwar für das ganze Team. «Wer auf Sicherheit und Stabilität aus ist im Leben, dem empfiehlt niemand, Dirigent zu werden», sagt er lachend.

Überhaupt: Zur Ruhe kommt die in Luzern wohnhafte Familie im Moment nicht. Die starken Überschwemmungen vom Sommer haben am Haus Schäden hinterlassen, die Sanierungsarbeiten geben zu tun. Dazwischen pendelt Knüsel immer wieder mal nach Tschechien, wo er ebenfalls als Dirigent arbeitet. «Ein grosses Privileg», aber eigentlich war das alles gar nie sein Plan. Als junger Mann aus einer Basler Musikerfamilie spielte er schon früh Trompete. Er galt als grosses Talent, gewann den Basler Maturandenpreis und absolvierte später in der Schweiz, in Holland und den USA die Ausbildung zum Konzertsolisten.

Jedes Jahr meldete er sich für den Numerus Clausus an fürs Medizinstudium an, weil ihn die Medizin eben auch faszinierte. An die Prüfung ging er nie. Das Leben als Musiker hatte es ihm angetan. Auch die einfachen Dinge, wie zum Beispiel Strassenmusik: «Nirgendwo sonst spürt man das Publikum so fest», schwärmt er. Mit Freunden war er im Camper unterwegs, reiste nach Südfrankreich und bis nach Spanien. Überall wurde er mit offenen Armen empfangen. «Es war wie ein anderes Leben», sagt Knüsel, wenn er über diese Zeit spricht. Mit Freude, aber auch so, als könne er selbst gar nicht glauben, dass das alles einmal Teil seines Alltags war.

«Wie Laufen ohne Fundament»

Das fehlt heute. Nicht, weil dafür zu wenig Zeit bliebe oder weil es die Situation als Vater nicht mehr erlauben würde. Mit siebenundzwanzig änderte sich sein Leben drastisch. Ein Unfall nahm Knüsel die Möglichkeit, seiner Leidenschaft weiter nachzugehen. Ein «Loch im Hals» habe er gehabt, sagt er trocken. Die Ärztin erlegte ihm ein Spielverbot auf, und dieses gilt bis heute. Es war das Aus für seine Karriere als Solist. Damals sei er schon fast erleichtert gewesen darüber. «Ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Beim Spielen hatte ich grosse Probleme, Konzerte waren eine Qual.»

Er habe die Luft nicht mehr richtig kontrollieren können. So Trompete zu spielen, das sei wie Laufen ohne Fundament, «immer mit der Angst, daneben zu treten». Kurz zuvor waren alle seine Instrumente gestohlen worden: zwei Trompeten aus der Wohnung, fünf weitere mitsamt Koffer auf Tournee in Spanien. «Vielleicht ein Vorzeichen», sagt Knüsel.

Der Fokus liegt auf der Nachwuchsförderung

Das Spielverbot war eine Zäsur im Leben des Mannes. Er liess sich zum Dirigenten ausbilden. In der gleichen Zeit wurde er zum ersten Mal Vater. Heute arbeitet er daran, die Nachwuchsförderung seines Orchesters auszubauen, um auch vermehrt ein jüngeres Publikum anzulocken. Für seine innovativen Konzertformate, sein Konzept zur Nachwuchsförderung und die künstlerische Entwicklung des Neuen Orchesters wurde er vor drei Jahren mit dem Luzerner Dienemann-Sonderpreis ausgezeichnet.

«Wir möchten nicht nur die Elite ansprechen», erklärt er seinen Ansatz. Er glaube daran, dass die Kultur in der Gesellschaft wieder wichtiger werden könnte. Ob er das Musizieren denn nicht vermisse? «Klar, das war einschneidend», sagt er knapp. «Aber ich habe mit dem Wechsel zum Dirigieren letztlich mehr gewonnen als verloren. Manchmal muss etwas Gutes zu Ende gehen, damit etwas noch Schöneres entstehen kann.»

Neues Orchester Basel, «Liebesglück», mit Vadim Repin.
Sonntag, 26.9., um 17 Uhr im Stadtcasino Basel. www.neuesorchesterbasel.ch

Das Saisonprogramm 2021/22

Am Sonntag startet das Neue Orchester Basel in seine 40. Saison. Die sieben Abo-Konzerte stehen unter dem Motto «Wunschglück» und drehen sich um Glücksmomente, wie sie vor allem die Liebe und die Freundschaft bieten. Für das Konzert am Sonntag konnte das Orchester den russischen Stargeiger Vadim Repin engagieren, der als Gastsolist auftritt und als einer der grössten Talente seines Fachs gilt. Auf dem Programm stehen mit «Romeo und Julia» von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, dem «Violinkonzert Nr. 1» von Max Bruch und der «Rosenkavalier-Suite» von Richard Strauss drei Werke, die sich der Liebe widmen.

Bis Mai 2022 folgen sechs weitere Konzerte mit unterschiedlichen Gästen. Ein Höhepunkt dürfte das Konzert im Dezember sein. Dann spielt das Orchester in der Basler Martinskirche parallel zur Vorführung des Films die Musik zu Charlie Chaplins Film «The Kid». Im Januar folgt dann erneut ein Konzert im Stadtcasino Basel. Als Gast tritt Pianist Teo Gheorghiu auf, der vielen noch als Wunderkind aus dem Film «Vitus» in Erinnerung sein dürfte. Jedes Konzert soll zudem eine kleine Überraschung bieten, verspricht Leiter Christian Knüsel. Aufgrund der aktuellen Situation sind sämtliche Konzerte nur mit Covid-Zertifikat zugänglich.

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