Junges Theater Basel
Psychogramm der Jugend: Das Leben ist halt doch kein Traum

Mit der neuen Produktion «Über Nacht» von Lucien Haug präsentiert das Junge Theater Basel das Psychogramm einer Jugendlichen, die in ihrer Angst-Traumwelt gefangen ist.

Dominique Spirgi
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Traum oder Realität? Alizah Arida (rechts) kämpft als Sam mit ihrer Umwelt, die von Elisabeth Schüepp und Diego Cremonini verkörpert wird.

Traum oder Realität? Alizah Arida (rechts) kämpft als Sam mit ihrer Umwelt, die von Elisabeth Schüepp und Diego Cremonini verkörpert wird.

zvg / Uwe Heinrich

Sam (oder Samira) ist 16 Jahre alt. Sie hat soeben ihren Sekundarschulabschluss hinter sich und steht mit dem Besen mitten in der Unordnung, die das Abschlussfest hinterliess – das sie aber verschlafen hatte.

Sam, so erfahren wir, war eine überdurchschnittlich gute und intelligente Schülerin, was angesichts der prekären Familienverhältnisse, in der sie lebt, als aussergewöhnlich beschrieben wird. Sie muss kochen, einkaufen und sich um ihren kleinen Bruder kümmern, weil die alleinerziehende Mutter Geld verdienen muss.

Sam hat ihr Abschlusszeugnis gefälscht. Aber nicht etwa nach oben, sondern nach unten. Oder war sie das gar nicht selbst, sondern eine Aktion aus einem ihrer Träume? Denn Sam hat Superkräfte. Was sie in ihrem Traum beim Aufwachen in den Händen hält, wird Realität.

Was andere vielleicht als grandioses Glück feiern würden, empfindet Sam als Fluch. Denn ihre Träume sind wie ihr reales Leben von Ängsten geprägt. Die Angst, nicht genügen zu können, zu versagen. Ganz konkret geht es um die Angst, dass ihre Liebe zu Ezra – so offensichtlich sich diese auch manifestiert – nicht erwidert wird. Die Angst, dass sie beim Besuch eines Gymnasiums ihre Pflicht, ihre kaputte und mausarme Familie am Leben zu erhalten, nicht bewältigen könnte.

Das Psychogramm dieser durchgerüttelten Figur wurde vom jungen Basler Autoren Lucien Haug entworfen. Haug ist eines der Eigengewächse des Jungen Theaters Basel, welche die Theater-Karriereleiter bereits aufgestiegen sind, dem Ursprungshaus aber nach wie vor die Treue halten. Haug ist mittlerweile im Hauptamt viel beschäftigter Hausautor am «grossen» Theater Basel.

Temporeiche Geschichte, gefühlvolles Schauspiel

Für die Regisseurin des Abends trifft dies ebenso zu: Suna Gürler wurde einst aus dem Jungen Theater Basel ins Maxim Gorki Theater Berlin wegengagiert. Heute gehört sie zum Team des Zürcher Schauspielhauses, was sie aber nicht davon abhält, immer wieder in Basel zu arbeiten.

Dass die beiden Theater-Eigengewächse Haug und Gürler dies tun, erweist sich einmal mehr als Glücksfall. Mit der geschickten und ausgesprochen temporeich und kraftvoll konstruierten Geschichte um die Angstwelten einer Jugendlichen gelingt es ihnen, die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer ganz direkt anzusprechen und offensichtlich in den Bann zu ziehen.

Das Ganze wird in eine künstlerisch hintersinnige Szenerie zwischen Traum und Realität, zwischen Pubertät und prekären Lebensverhältnissen eingebettet, was den Abend weit über das Prinzip des rein didaktischen Gebrauchstheaters hinaushebt. Er hat eine Ernsthaftigkeit, ohne in die Schwermütigkeit zu fallen. Der Abend hat Witz, ohne damit anzubiedern.

Dass dies gelingt, dazu tragen die zwei Spielerinnen und der eine Spieler viel bei. Allen voran Alizah Arida, die sich so kraft- und gefühlvoll in die Rolle der Sam wirft, dass man sich wundert, wie sie die knappen anderthalb Stunden durchhält, die der Abend dauert. Ihr zur Seite stehen Diego Cremonini und Elisabeth Schüepp, die flink von Rolle zu Rolle springen, vom Möchtegern-Geliebten zum kleinen Bruder, von der Mutter über die Lehrerin und den abwesenden Vater bis zum personifizierten Sextraum.

Mit «Über Nacht» gelingt es dem Team des Jungen Theaters Basel einmal mehr vortrefflich, sich an die Wirklichkeit der Jugendlichen anzudocken und mit den jungen Laien auf der Bühne aus dieser Wirklichkeit sehr viel herauszuholen.

«Über Nacht», Junges Theater Basel: Nächste Vorstellung: 5. November, weitere Daten: www.jungestheaterbasel.ch

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