Konzert
Der plötzliche Drang zu tanzen: Nihiloxica spielt in der Kaserne trommelnden Techno

Die Mitglieder von Nihiloxica kommen aus Uganda und England, ihre Musik kennt keine Ruhe. Dafür verwebt sie zwei Musiktraditionen zu einer ungehörten Mischung. Heute Abend spielt das Kollektiv in der Kaserne Basel.

Timo Posselt
Drucken
Teilen
Produzieren königlichen Techno: die Bandmitglieder von Nihiloxica.

Produzieren königlichen Techno: die Bandmitglieder von Nihiloxica.

zvg/Will Leeming

Im Herzen der Musik des ugandisch-britischen Kollektivs Nihiloxica schlägt eine Trommel, deren Herzschlag vor ein paar Jahren fast zum Stillstand kam. Die letzten Trommler waren alt, die Erinnerungen an eine einst königliche Musikkultur verblassten. Als ihr Aussterben kurz bevor zu stehen schien, wurde sie wiederbelebt. Heute blüht sie, unter anderem in der Musik von Nihiloxica.

Eine verbotene Trommel

Uganda, 1966. Im Land tobt ein Machtkampf zwischen der autokratischen Zentralregierung und der unabhängigen Königreiche. Der Streit eskaliert und eine Jahre andauernde Gewaltherrschaft folgt. Im Zuge der Unterdrückung der Regionen erst unter Milton Obote und schliesslich unter Idi Amin wurden die Könige vertrieben und ihre Traditionen verboten. Damit stand auch die traditionelle Musikkultur vor ihrem Ende.

James Isabirye ist Forscher an der Universität Kyambogo in Uganda und war einer der Retter der königlichen Musikkultur. Als in den 1990er-Jahren die Königreiche wieder hergestellt wurden, setzte Forscher Isabirye alles daran, auch die Musikkultur wiederzubeleben. Gespielt wurde sie kaum noch, geschweige denn, dass jüngere Musiker wussten, wie das ging.

Mit finanzieller Unterstützung einer NGO und der Unesco suchte Isabirye mit Mitstreitern nach den letzten überlebenden Musiker. Er sicherte ihre Existenz und sie brachten Jüngeren die Instrumente bei. So gelang es, die Musiktradition der ugandischen Königshöfe vor dem Vergessen zu bewahren. Heute ist sie längst auf dem Lehrplan ugandischer Schulen und gelangt nun mit dem Kollektiv Nihiloxica einer elektronisch weiterentwickelten Form sogar in die Clubs des globalen Nordens.

«Corona hat alles an die Wand gefahren»

Vier der Mitglieder von Nihiloxica stammen aus Kampala, der Hauptstadt von Uganda, und sind dort Teil des Nilotika Culture Ensembles, einem gemeinnützigen Kulturkollektiv. Zwei Mitglieder sind Briten, einer ist Schlagzeuger und einer spielt Synthesizer. Zusammen sind sie Nihiloxica und ihre Musik kennt keine Ruhe. Das Schlagzeug scheppert trocken, die Synthesizer-Klänge fiebern bedrohlich und die Schläge der Buganda-Trommeln klöppeln atemlos, doch ihr Klang ist so bauchig wie überdimensionierte Regentropfen auf einer Zeltplane.

Diese Mischung aus düsterer Elektronik und geerdetem Trommel-Beat macht Nihiloxica für alle mit auch nur halbausgeprägtem Tanzdrang so entwaffnend. Bei früheren Konzerten konnte man sich kaum entscheiden, ob man tanzen oder staunen will. Der Mund offen, die Beine rastlos. Das sprach sich Anfang 2020 schnell herum und Nihiloxica waren kurz vor dem Absprung, vom Geheimtipp zum Festival-Publikumsmagnet zu werden.

«Dann hat Corona alles an die Wand gefahren», wie Nihiloxica-Mitglied und Produzent Spooky J dem amerikanischen Musikblog The Quietus erklärte. Der Karriereschwung mag zwar vorerst verflogen sein, doch mit dem Debütalbum «Kaloli», das letztes Jahr erschien, hat die Band den eindrücklichen Beweis erbracht, warum sie am besten in dunkle Clubs gehört. Schliesslich sind diese Tanzhöhlen ganz im Einklang mit ihrer Gründungsgeschichte.

Ein Echo auf den Techno

Der Bandgründung von Nihiloxica stand nämlich ein ugandisches Musikförderungskollektiv Pate, das schon im Namen den «plötzlichen, unkontrollierbaren Drang zu tanzen» trägt: Nyege Nyege. Dieses Kollektiv hat es sich seit 2013 zur Aufgabe gemacht, hauptsächlich elektronischer Musik aus Ostafrika eine grössere Plattform zu bieten.

Nihiloxica.

Nihiloxica.

zvg/Will Leeming

Dafür betreibt Nyege Nyege zwei Plattenlabels, eine Künstlerinnenresidenz und ein gleichnamiges Festival in Uganda. «Nyege Nyege ist eine Plattform und ein Schmelztiegel», erklärt Nihiloxica-Produzent Spooky J, «ohne ihre Aufmerksamkeit und brillante Arbeit wären wir nirgendwo. Das liegt auch daran, dass das Publikum, das zu dieser Musik tanzen will, teilweise weit weg ist.»

Auf der ganzen Welt florieren inzwischen Musikszenen, ihr vielgestaltiger Sound ist längst nicht mehr mit dem überholten Begriff der «Weltmusik» zufassen. Für ihren eigenen neu geschaffenen Musikstil hat Nihiloxica übrigens auch einen Namen: «traditioneller Techno». Die Eigenbezeichnung ist zum einen eine Provokation an Techno-Fundamentalisten und verweist gleichzeitig aber auch auf ein allzu oft vergessenes Kapitel der Geschichte der elektronischen Musik. Denn bevor elektronische Stile wie House und Techno von Figuren wie David Guetta wirtschaftlich dominiert wurden, waren sie Teile der afroamerikanischen Subkultur in den Industriestädten des Ostens der USA.

In den heruntergekommenen Metropolen Detroit und Chicago formierten sich Ende der 1970er-Jahre Clubszenen, die Einflüsse aus House, Disco und Funk zu einer monotonen, aber unwiderstehlichen Tanzmusik vermischten. So sind Schläge der traditionellen Trommeln bei Nihiloxica wie ein Echo auf den frühen afroamerikanischen Techno – oder umgekehrt. Nur die Wärme und Zuversicht, die im hellen Klang der Trommelschläge zu spüren ist, sucht man im Maschinenraum des Techno vergebens. Dem Tanzdrang tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Nihiloxica (UG) am Freitag, 15. Oktober 2021, in der Kaserne Basel, Türöffnung: 21 Uhr, Eintritt: 20 Franken.

Aktuelle Nachrichten