Konzertkritik
The Cure in Basel: Tanzen zum Weltuntergang

Die britischen Post-Punk- und Wave-Pioniere geben in der St. Jakobshalle ein seltsam verhaltenes Konzert. Dieses wird letztlich gleichwohl frenetisch beklatscht: Im Zugabenteil zündet die Band um Robert Smith, die in den 80er-Jahren so viele Hits hatte wie wenig andere, Feuerwerk um Feuerwerk.

Hans-Martin Jermann Jetzt kommentieren
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Ergraut, doch die Haare noch immer toupiert: Robert Smith (63), Frontmann und Kopf von The Cure.

Ergraut, doch die Haare noch immer toupiert: Robert Smith (63), Frontmann und Kopf von The Cure.

Bild: Balazs Mohai

Im Foyer der Joggelihalle witzelt ein Kollege: Das Publikum bei The Cure sei jenem der Swiss Indoors, das kürzlich an selbem Ort stattfand, schon sehr ähnlich. Das ist natürlich masslos übertrieben, hat aber einen wahren Kern: Die schwarzgewandeten, geschminkten Jünger, die viele Jahre den optischen Rahmen für die Konzerte der britischen Gothic-Wave-Vorreiter bildeten, sind weg. Der Grufti als Szeneerscheinung ist tot.

Neben alten Fans vereinzelt auch Klimajugendliche

Im Basler Publikum dominieren 40- bis 55-Jährige mit zumeist wohl alternativer Vergangenheit und wesentlich bürgerlicherer Gegenwart. Immer ein Gradmesser für alte Bands: Sprechen The Cure, die ihre grosse Zeit in den 80er- und frühen 90er-Jahren hatten, die junge Generation an? Nun, sie sind vereinzelt da, die Vertretenden der Klimajugend, und sie dürften zum Weltschmerz von Robert Smith und seinen Mannen Bezugspunkte finden.

In «Alone», dem traurig-verträumten Opener des noch nicht veröffentlichten neuen Albums, schmachtet der mittlerweile 63-jährige Smith, leicht ergraut, die Haare aber wie eh und je toupiert: «This is the end of every song that we sing.» Die Visuals liefern die passende Kulisse: Wir wähnen uns im Flugzeug über der Wolkendecke, entfernen uns aber immer mehr von Land und Ozeanen, bis die Weltkugel zum finalen Schlag in der endlosen Galaxie verschwindet.

Der Funke will lange nicht überspringen

Melancholisch geht’s weiter: Wir hören «Pictures of You» und «Lovesong» vom düsterem Meisterwerk «Disintegration» (1989), «A Night Like This» oder «Push» vom zugänglich-poppigen «The Head on the Door» (1985). Zeitlose Songs, doch der Funke will nicht überspringen. Liegt’s am schwammigen Sound in der Joggelihalle? Smiths Stimme ist glasklar, doch das laute Becken und der wummernde Bass übertönen die filigrane Gitarrenarbeit.

Liegt es daran, dass bei einer Band, die seit 40 Jahren Konzerte gibt, fast zwangsläufig Routine aufkommt? Robert Smith, Simon Gallup (Bass), Reeves Gabrels (Gitarre) und Roger O’ Donell (Keyboard) sind kurz vor oder bereits im Pensionsalter, nur Schlagzeuger Simon Cooper (55) ist einiges jünger. Die Spielfreude ist spürbar, das zweieinhalb Stunden dauernde Set zeugt von Ausdauer und Arbeiterethos. Aber um Leben und Tod spielt keiner mehr.

Liegt’s auch am Set, dass die Stimmung über weite Strecken verhalten bleibt? Die im Down- und Midtempo gehaltenen neuen Songs, die wiederholt eingeflochten werden, kennt kaum jemand und wirken einschläfernd.

Verstörende Kriegsbilder ziehen in den Bann

In den beiden langen Zugabenteilen beeindrucken die Gothic-Pioniere dann: Das apokalyptische «One Hundred Years» (von «Pornography», 1982) zieht mit verstörenden, allerdings etwas effekthascherischen Schwarz-weiss-Bildern aus den beiden Weltkriegen, Vietnam und China in den Bann. Der Tanz zum Weltuntergang quasi. Dann «A Forest» (von «Seventeen Seconds», 1980) mit seinem ikonischen Gitarrenintro. Nun sind in der Joggelihalle alle hellwach.

Im zweiten Zugabenteil zünden The Cure dann Feuerwerk um Feuerwerk: «Lullaby», «The Walk», «Friday I’m in Love». Nun reisst es auch die letzten von den Sitzplätzen. Mit dem beschwingten «In Between Days» und dem optimistischen «Just Like Heaven» hält Leichtigkeit Einzug. Das finale «Boys Don’t Cry» klingt erneut breiig und lässt live vieles von seiner punkigen Zackigkeit vermissen. Doch das spielt nun keine Rolle mehr.

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