Zeitreise
Im Kühlhaus schmilzt der Klimazweifel

Der Basler Schauspieler und Regisseur Patrick Gusset will mit «The Future Of The Earth» zu bewusstem Handeln anregen.

Hannes Nüsseler
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Acht Kubikmeter Eis tauen vor sich hin.

Acht Kubikmeter Eis tauen vor sich hin.

Simon Hänggi

Zahlen und Skalen – anders lässt sich der Klimawandel nicht fassen. Oder doch? Mit seiner künstlerischen Forschung «The Future Of The Earth» spielt der Basler Regisseur Patrick Gusset zukünftige Klimaszenarien durch, gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse.

Die Schweiz hat das CO2-Gesetz versenkt. Ihre Reaktion?

Patrick Gusset: Ich beschäftige mich stark mit Studien und Prognosen zum Klimawandel, und ich muss schon sagen: Es ist schockierend, wie kurzsichtig das Stimmvolk entschieden hat. Je länger wir untätig bleiben, desto grösser werden die Folgen und auch die Korrekturen, die wir vornehmen müssen. Es fehlt das Bewusstsein – oder es wird sogar aktiv weggeschaut. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Beeinflusst das Resultat Ihr Projekt?

Ja. Wir untersuchen, wie sich vermitteln lässt, was auf uns zukommt: Reichen Experteninterviews, Diagramme und Katastrophenfilme? Wie bringen wir die Menschen dazu, sich zu fragen, wie sie in der Gegenwart handeln sollen, um die Zukunft positiv zu beeinflussen? Wir arbeiten mit zwei Szenarien, einem guten und einem schlechten. Das Abstimmungsresultat war eigentlich für das gute Szenario eingeplant gewesen, jetzt wechselt es die Seiten.

Wie werden diese Szenarien dargestellt?

Wir unternehmen eine Zeitreise in die Zukunft und erklären aus dem Jahr 2100, wie es so weit gekommen ist. Wie also zum Beispiel die Coronakrise als Gelegenheit ergriffen wurde, globale Probleme gemeinschaftlich anzugehen – das wäre der Bestfall. Oder aber wie die Nationalstaatlichkeit Auftrieb erhielt, weil sich alle nur noch um die Wirtschaft sorgten und der Klimaschutz unterging. Zu diesen verschiedenen Szenarien bewegen sich zwei Tänzerinnen durch den Raum, verschieben Objekte und verhalten sich zu ihnen.

Patrick Gusset.

Patrick Gusset.

zvg

Welche Erkenntnisse lassen sich daraus gewinnen?

Es geht darum, herauszufinden, was sich verändert, wenn ich mir temporär und auf einer abstrakten Ebene ein Bild von der Zukunft mache, sie also ein Stück weit erlebe und nicht nur lese. In einem ehemaligen Kühlraum haben wir zum Beispiel einen Eisblock aufgestellt, zwei auf zwei Meter gross. Dieser Block schmilzt vor sich hin, das ist eine sinnliche Erfahrung, die etwas in mir auslöst. Oder wir zeigen Baumarten, die durch den Wärmeanstieg nach Norden wandern werden. Mich interessiert, wie die Kunst ein anderes Wissen generieren kann – nicht in Konkurrenz zu den Wissenschaften, sondern als Ergänzung.

Woher stammt Ihre Faszination für Umweltthemen?

Im Rahmen meines Doktorates habe ich mich in meinem Projekt «Rehearsing Afrofuturism (AT)» zunächst damit beschäftigt, wie sich postkoloniale Strukturen überwinden lassen. Dafür habe ich Zukunftsbilder entworfen. Die inhaltliche Ausrichtung hat sich nun hin zu Klimaszenarien verschoben. Auch da will ich Verantwortlichkeiten klären und Zusammenhänge besser verständlich machen. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Was, wenn bis zum Jahr 2100 die Durchschnittstemperaturen in der Schweiz tatsächlich um fünf Grad steigen? Das klingt aus heutiger Sicht erst einmal katastrophal. Andererseits wissen wir nicht, wie wir uns angepasst haben werden.

Wie hängen Rassismus, Pandemie und das Klima zusammen?

Sicher durch die Globalisierung: Die Strukturen einer Weltgesellschaft sind potenziell vorhanden, was Handel, Konnektivität und Kommunikation betrifft. Bei Themen wie Black Lives Matter kommt der Aktivismus dazu, der vieles in Gang setzt. Und im Zusammenhang mit Covid-19 stellen wir fest, dass wir schon jetzt in Szenarien leben und diese ganz konkrete Auswirkungen auf die Zukunft haben: Die Zahlen gehen entweder rauf oder runter.

«The Future Of The Earth», Zentrale Pratteln, 18. und 19. Juni, je 10–12 und 14–16 Uhr. Anmeldung: www.theater-roxy.ch