Künstliche Intelligenz
R2-D2 kehrt ins Vitra Design Museum zurück

Roboter braten Burger, der Algorithmus plant das Date: Die Verschränkung von digitaler und realer Welt ist praktisch nahtlos.

Hannes Nüsseler Jetzt kommentieren
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Will doch nur kuscheln: «Raising Robotic Natives» von Stephan Bogner, Philipp Schmitt und Jonas Voigt.

Will doch nur kuscheln: «Raising Robotic Natives» von Stephan Bogner, Philipp Schmitt und Jonas Voigt.

zvg/Jonas Voigt

Und nun komm, du alter Besen: Bei der Wahl eines passenden Anwendungsfeldes für künstliche Intelligenz (KI) musste Stefan Kloter nicht lange suchen. Der 37-jährige Multimediakünstler, der im FutureLab der Jobfactory Basel tätig ist und mit verschiedenen Text-zu-Bild-Generatoren experimentiert, verfiel rasch auf Goethe.

«Ich kannte das Gedicht ‹Der Zauberlehrling› noch vom Gymnasium her, es passt thematisch sehr gut», sagt Kloter. «Die Geister, die wir rufen, das sind die künstlichen Intelligenzen, die hoffentlich nicht ausser Kontrolle geraten.» Entstanden ist eine 20-seitige Adaption als Fantasy-Comic mit pastosem Prunk und digital errechneten Spezialeffekten – aus einer Software heraufbeschworen. «Ich tippe Wort für Wort ein, was ich will», erklärt der Multimediakünstler das Vorgehen. «Danach generiert die Software alle sieben Sekunden eine neue Bildvariante, bis ich Stopp drücke.»

Doch wie schon der Zauberlehrling erfahren musste, ist das mit dem Anhalten so eine Sache. Die künstlichen Handlanger sind längst überall, so auch im Vitra Design Museum. «Wir sind alle Hexenmeister, weil wir froh sind, dass die Besen besen», erklärt Amelie Klein. Die Österreicherin hat mit «Hello, Robot – Design zwischen Mensch und Maschine» die meistbesuchte Ausstellung kuratiert, die je im Vitra Design Museum zu sehen war – und nach 2017 zum zweiten Mal eröffnet. «Wir scheuen uns in ‹Hello, Robot› nicht vor populärer Unterhaltung, gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder Momente, die einem zu denken geben», so Klein. «Diese Kombination ist das Erfolgsrezept.»

In der Ausstellung werden neben «Star Wars»-Liebling R2-D2 und Roboterhund Spot auch die unheimlich fleissigen Helferlein thematisiert, die zumeist unsichtbar zugange sind. Wenn Roboter Geräte sind, die eine physisch messbare Aktion aufgrund gesammelter Daten generieren, zählen auch Handydisplays und Computerbildschirme dazu. «So liesse sich argumentieren, dass wir bereits in einem teilrobotischen System leben», erklärt Klein. «Robotik legt sich wie ein Farbanstrich über alles.» Der digitale Hexenbesen wirkt als Pinsel.

Algorithmische Kontrolle als Stressfaktor

Dass das nicht nur zauberhaft ist, veranschaulicht ein im Vitra Design Museum ausgestelltes Handheld-Terminal, wie es in Logistikzentren verwendet wird – zur lückenlosen Überwachung der Arbeitenden. «Und das, obwohl wir seit über 100 Jahren Arbeitsrechte haben», wundert sich die Kuratorin. Zu sehen sind ausserdem sogenannte «Sabots», also Holzschuhe, wie sie Fabrikarbeiter einst trugen – und als Arbeitskampfmassnahme in die Maschinen warfen. «Sabot und Sabotage gehören zusammen, und 170 Jahre nach der ersten industriellen Revolution haben wir diesen Kampf verloren», sagt die Kuratorin. Die vermeintlichen Holzschuhe nämlich stammen aus einem 3D-Drucker, hergestellt in einer reinen Roboterwerkhalle.

Arbeitslos werden wir wohl trotzdem nicht so rasch, glaubt Simon Schaupp, Oberassistent am Lehrstuhl für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. «Dass eine Roboterarmee uns demnächst die Arbeit wegnimmt, ist vielleicht so eine Art Gruselfaszination», erklärt der Soziologe, der heute an einem Podium mit Unia-Gewerkschaftssekretär Roman Künzler über die «Schöne neue Arbeitswelt?» diskutiert.

«Krieg der Sterne. Episode IV – Eine neue Hoffnung» (1977).

«Krieg der Sterne. Episode IV – Eine neue Hoffnung» (1977).

zvg / © & TM 2017 Lucasfilm Ltd

«Der eigentliche Kern der Digitalisierung ist die algorithmische Arbeitssteuerung – also die Rationalisierung menschlicher Arbeit, nicht deren Substitution», so Schaupp. Oftmals verstecke sich hinter der angeblichen Automatisierung, mit der viele Software-Start-ups werben, enorm viel menschliche Arbeit: «Es gibt das Beispiel einer App, die Kassenzettel einliest, um eine Art personalisierte Buchhaltung zu generieren», erzählt der Soziologe. «Nur stellte sich da heraus, dass diese Daten von Arbeitskräften auf den Philippinen abgetippt werden.»

Die Undurchsichtigkeit der Algorithmen dient auch der Legitimation, so müssen etwa Banken kreditsuchende Kundinnen und Kunden nicht mehr persönlich vor den Kopf stossen. «Sie können sich einfach darauf berufen, dass die Maschine Nein gesagt hat.» Und werden bei Plattformökonomien wie Uber und Co. Löhne falsch ausgezahlt, hält die Technologie als Sündenbock hin.

«Ich habe selbst als Fahrradkurier gearbeitet», sagt Schaupp. «Dort funktionieren Apps als Trennwand zwischen Management und den Beschäftigten. Unzulänglichkeiten und Probleme erscheinen so oft als technische Probleme und nicht als menschliche Zumutung.» Mit einem Holzschuhwurf lässt sich da wenig ausrichten, doch haben auch digitale Systeme ihre Schwachstellen.

«Bei manueller Niedriglohnarbeit wird die algorithmische Kontrolle als Stressfaktor empfunden, weil sie Prozesse beschleunigt und nicht erleichtert», erklärt der Soziologe mit Arbeitserfahrung in einer Maschinenbaufabrik an der Montagelinie. Würden menschliche Aufpasser allerdings zu Gunsten automatisierter Feedbacks weggespart, lasse sich das System leicht manipulieren. «Wenn eine Handvoll Beschäftigter ihr Arbeitstempo bewusst reduziert, werden auch die Zielvorgaben gesenkt, die direkt aus dem Arbeitsprozess hervorgehen.» Vor allem: Die Belegschaft kann ungeniert vom Leder ziehen – und sich organisieren.

«Ethik muss Menschenaufgabe bleiben»

Die Niedriglohnarbeit wird so bald also nicht ausgehen, prophezeit Schaupp – im Gegenteil. «Neben der Schaffung neuer, hochbezahlter und -qualifizierter Jobs entsteht ein steigender Bedarf bei Digitalkonzernen, in der Lieferlogistik, bei Versandhandel und Kurierdiensten.» Dass dabei Löhne und Sozialkosten gedrückt würden, könnte durchaus aber wieder zu neuen Arbeitskämpfen führen, glaubt der Soziologe. «Da stellt sich dann auf gesetzgeberischer und politischer Seite die Frage, ob man solche Firmen halten will.»

Auch Designkritikerin und Kuratorin Amelie Klein sieht Klärungsbedarf: «Was wir dringend brauchen, ist ein ethischer Rahmen, in dem wir uns mit diesen Maschinen bewegen. Das muss Menschenaufgabe bleiben.» Zwar werde Technologie oft als neutral angesehen, dabei handle es sich immer auch um Ideologie. «Es ist unmöglich, einen Code zu schreiben, ohne dass sich Ethik und Wertvorstellungen darin widerspiegeln», sagt Klein. «Das Problem ist, dass im Silicon Valley hauptsächlich junge weisse Männer Software entwickeln.» Dass jetzt endlich Gegenwind zu spüren sei, stimme sie euphorisch.

«Und nun komm, du alter Besen»: Illustration aus Stefan Kloters «Der Zauberlehrling».

«Und nun komm, du alter Besen»: Illustration aus Stefan Kloters «Der Zauberlehrling».

zvg/Stefan Kloter

Und was macht die künstliche Intelligenz mit der Kunst? Die Kuratorin gibt Entwarnung. «Algorithmen und Roboter sind Werkzeuge, die wir entsprechend nutzen können und sollten.» In der Architektur sei das längst Standard, selbst der Katalog zur Ausstellung wurde mit Hilfe eines Algorithmus erstellt, abgesegnet von einem Grafiker. Kunst sei bestenfalls immer eine Reflexion dessen, was in der Welt passiert. «Und eine der wichtigsten Fragen ist die nach Echt und Unecht, Wahr und Falsch», erklärt Klein. «Über solche Fragen müssen wir als Gesellschaft eine Einigkeit finden.»

Multimediakünstler Stefan Kloter zeigt sich im Umgang mit KI und Originalität entspannt. «Ich sehe mich als Kurator, meine kreative Leistung besteht darin, das richtige Bild auszuwählen», sagt er und gibt der Software Midjourney einen Autorencredit. «Kein Künstler kam bei der Produktion dieses Comics zu Schaden», heisst es in Kloters «Zauberlehrling». Neue Besen kehren gut.

Stefan Kloter: «Der Zauberlehrling», E-Book bei Amazon und Gumroad. www.arnokloter.com
«Hello, Robot», Vitra Design Museum, 24.9. bis 5.3.2023. www.design-museum.de
Uni-Talk: «Schöne neue Arbeitswelt?», Museum.BL, 21.9., 17.30 Uhr. Freier Eintritt. www.museum.bl.ch

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