Kunst-Buch
«Das neue Leben» zwischen Aufbruch und Melancholie

Eine neue Publikation widmet sich einer fast vergessenen Basler Künstlergruppe um 1920, die für eine radikale Avantgarde eintrat.

Christoph Dieffenbacher
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In einem Akt der Verzweiflung warf der Basler Maler Fritz Baumann (1886–1942) im Jahr 1925 einen Grossteil seiner Werke von der Mittleren Brücke in den Rhein. Seine Versuche mit kubistischen und expressionistischen Gemälden und Holzschnitten hielt er für gescheitert – und damit seine Ansprüche einer rein avantgardistischen Kunst. Wohl zu Unrecht, wie seine erhaltenen Frühwerke und später gefundenen Werke ahnen lassen. Danach unterrichtete der Künstler, der nach einer Malerlehre in München, Rom und Paris studiert hatte, weiter an der Frauenarbeits- und der Gewerbeschule; an Ausstellungen nahm er nicht mehr teil.

Buch-Cover von «Das neue Leben».

Buch-Cover von «Das neue Leben».

zvg

Baumann, heute nahezu vergessen, war Mitbegründer und Hauptinitiant der Künstlervereinigung «Das Neue Leben», die sich wie ähnliche Gruppen jener Zeit mit Manifesten und Ausstellungen für radikale Neuerungen in der Kunst einsetzten. Die Szene befand sich in rasantem Umbruch: Kubismus und Expressionismus liessen den Raum explodieren, futuristische Künstler und Künstlerinnen der Futurismus feierte das technische Zeitalter, andere entdeckten die abstrakte Kunst – und mitten im Ersten Weltkrieg stellte die Dada-Bewegung die Kultur ganz in Frage.

Bilder müssen «Pfeile der Sehnsucht» sein

Erstmals trat die eher lose Gruppe «Das Neue Leben» im November 1918 öffentlich in der Kunsthalle Basel auf, wenige Tage vor dem Generalstreik, während rundum die Spanische Grippe wütete. Baumann hatte die Schau während seines Militärdiensts im Tessin aus organisiert, unterstützt vom Solothurner Otto Morach sowie den Baslern Niklaus Stoecklin und Alexander Zschokke. Die Initianten steuerten die Mehrzahl der über 250 Werke der Ausstellung bei, an der unter anderen auch Hans Arp, Alice Bailly, Augusto Giacometti, Francis Picabia und Sophie Taeuber vertreten waren.

Zwischen freier und angewandter Kunst, zwischen Hoch- und Gebrauchskultur dürfe es keine Unterschiede geben, auch Kunstgewerbe und Textilarbeiten, Schmuck, Stickbilder und Hinterglasmalerei sollten dazugehören, lautete der Anspruch. Bilder müssten, so Baumann, «Pfeile der Sehnsucht» sein, um «neue Ideen auszuführen in besserem Material». So stellte Sophie Taeuber in Basel mit drei «Studien zu einer Marionette» erstmals in einer Kunstinstitution aus.

Eine Bühne für die expressionistische Kunst

Die Gruppierung gab daneben ein Manifest, einen Katalog und eine erklärende Schrift heraus, welche die neue Kunst gegen das Establishment verteidigte. Doch nach vier Ausstellungen mit wechselnder Zusammensetzung – in Basel, Zürich, Bern und wieder Basel – war es nach knapp zwei Jahren bereits zu Ende. Zu einer breiten Bewegung wurde es nicht, das proklamierte «Neue Leben» mit seiner Forderung nach der «grossen Kunstwende». Die Mitglieder der Gruppe, von denen einige wieder austraten, kamen aus allzu verschiedenen Richtungen. Und die Avantgarde hatte noch kaum ein Publikum: 1918 wurden in Basel nur 19 Arbeiten verkauft.

Trotz ihrer kurzen Existenz habe «Das Neue Leben» für viele eine Bühne für die expressionistische Kunst geschaffen, heisst es in einer neuen Monografie. Das Buch trägt in Bild und Text das erhaltene Material sorgfältig und detailreich zusammen, was einer Wiederentdeckung dient. Dass die Gruppe vorerst scheiterte, aber wohl nicht folgenlos blieb – dazu liefert das Buch keine tiefere Einordnung. Ebenso wenig erhellt es auch das merkwürdig heterogene Werk Baumanns, der neben seinen Experimenten auch traditionelle Stile verfolgte. Bei ihm wechselte Aufbruch mit Melancholie – depressiv geworden, nahm er sich mit 56 Jahren das Leben.

«Das Neue Leben. Fritz Baumann und die Avantgarde», Kunstmuseum Basel, Claudia Blank, Peter Suter (Hg.), Christoph Merian Verlag, Basel 2021.