Kunstmuseum Basel
Camille Pissarro: Autodidakt aus Überzeugung

Das Kunstmuseum Basel würdigt den Gründervater des französischen Impressionismus mit einer grossen Retrospektive.

Hannes Nüsseler
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Respektvoller Blick auf ländliche Szenerie: «Les Glaneuses» von Camille Pissarro aus dem Jahr 1889.

Respektvoller Blick auf ländliche Szenerie: «Les Glaneuses» von Camille Pissarro aus dem Jahr 1889.

Georgios Kefalas/ Keystone

Noch bevor man die Ausstellungsräume im Kunstmuseum Basel betritt, ist da schon das erste Bild. Dutzendfach wird es an eine lange Schlange Interessierter ausgehändigt, die zur Medienorientierung erschienen sind, aufgedruckt auf Trag­taschen, in dem sich ein gewichtiger Katalog zur Retrospektive «Camille Pissarro – Das Atelier der Moderne» befindet. Auf der Tragtasche: Frauen bei der Arbeit auf einem Feld aus Farbtupfern, das sich bis zum Horizont erstreckt.

Es handelt sich dabei um eine Reproduktion von Pissarros ­Gemälde «Les Glaneuses», die ­Ährensammlerinnen, das dem Kunstmuseum anlässlich der Sonderausstellung als Schenkung vermacht wurde. In acht prächtigen Räumen wird die Entwicklung des Malers aufgezeigt und in einen kunsthistorischen Zusammenhang gestellt, sprich: Pissarro hängt Seite an Seite mit Monet, Cézanne, Gauguin, Seurat und vielen mehr. Nicht immer lassen sich die Malereien klar voneinander unterscheiden, und doch lässt sich die Bedeutung Pissarros am Beispiel der Ährensamm­lerinnen besonders gut erkennen.

Pissarro war Humanist, nicht Karrierist

Da ist die stilistische Verortung der «Glaneuses» im Neoimpressionismus, der Weiterentwicklung einer Malweise also, die Pissarro erst auf den Weg brachte. «Ohne Pissarro hätte es die Impressionistengruppe nicht gegeben», sagt Kunstmuseumsdirektor Josef ­Helfenstein. Als dänischer Staatsbürger mit jüdischen Wurzeln in der Karibik geboren, blieb der Autodidakt zeitlebens ein Aussenseiter in Paris. Statt die Akademie zu besuchen, schloss er lieber Künstlerfreundschaften. «Pissarro bildete sich weiter, indem er andere anleitete», sagt dazu Kurator Christophe Duvivier. Cézanne stellte seine Staffelei neben ihm auf, Gauguin nahm bei Pissarro Unterricht.

Der bescheidene Maler war sich aber auch nicht zu schade, neue Trends wie den Pointilismus für «Les Glaneuses» aufzugreifen und zu propagieren – um ihn ­später als zu rigoros wieder zu verwerfen. «Er war ein Humanist», sagt Helfenstein dazu, «kein Karrierist.» Der Landschaftsmalerei blieb Pissarro ein Leben lang treu wie auch den alltäglichen, zu ihrer Zeit als vulgär empfundenen Motiven. «Der Maler hatte ein Interesse am ­Sozialen», sagt Duvivier. Das Prinzip der Selbstversorgung und der respektvolle Blick auf die Gruppe von Frauen zeichnen den bekennenden Anarchisten Pissarro aus, der seine Überzeugungen stets stärker gewichtete als die ­finanzielle Sicherheit.

Im letzten Raum ist der Maler mit seinem Spätwerk allein, und doch wirken seine Freundschaft mit Monet und die gemeinsame Idee der Serie nach. Während Monet Seerosen malt, mietet Pissarro Hotelzimmer und blickt aus dem Fenster auf das geschäftige Leben, das ihm langsam entgleitet. Dass er einmal Dauergast in allen grossen Museen der Welt sein würde, hätte ihn selbst wohl am meisten überrascht.

Camille Pissarro, Kunst­museum Basel, bis 23.1.2022.

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