Tacita Dean
Basel hat ein neues Kino – für eine Sonnenfinsternis

Im Kunstmuseum Basel Gegenwart zeigt die Experimentalfilmerin Tacita Dean eine Sonnenfinsternis im Stundentakt.

Hannes Nüsseler
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Tacita Dean: «Antigone», 2018.

Tacita Dean: «Antigone», 2018.

Courtesy The Artist; Fifth Street Gallery und Marian Goodman Gallery

Dieses Kino versteht etwas von Beinfreiheit. An die zwanzig grosszügig distanzierte Sessel stehen im zweiten Stock des Kunstmuseum Basel Gegenwart vor einer Leinwand, auf der täglich zwischen zwölf und 18 Uhr zu jeder vollen Stunde derselbe Film gezeigt wird: «Antigone», benannt nach König Ödipus’ Tochterschwester – und wer bei diesem Wort stutzt, hat richtig gelesen. Die alten Griechen trieben es nicht nur toll, sondern vor allem tragisch.

Auf zwei parallel laufenden 35-Millimeter-Filmen stochert sich Ödipus, der sich selbst wegen seines Inzests geblendet hat, an einem Stock durch eine Rätsellandschaft, in der heisse Quellen dampfen und sich die Abenddämmerung herzzerreissend auf ein Neue-Welt-Nest mit antikem Klang legt: Thebes, Illinois. «Projekte?», fragt dazu eine Frauenstimme aus dem Off, von der sich annehmen lässt, dass sie Antigone gehört. «Klar habe ich Projekte.» Und alleweil rückt eine Sonnenfinsternis weiter vor.

Warten auf den Grünen Blitz

Gedreht hat den einstündigen Experimentalfilm die Britin Tacita Dean, und von ihrer charmanten, wenn auch asynchronen Begrüssung zur Elf-Uhr-Medienkonferenz («Guten Abend!») sollte man sich nicht täuschen lassen. Die gefeierte «Heldin des Zelluloids» kennt sich bestens aus mit der Zeit, dieser unfassbaren Grösse, die zwischen den einzelnen Filmbildern versickert, 24-mal in der Sekunde.

Flüchtigkeit scheint so etwas wie das Lebensthema der Britin zu sein, die schon tagelang aus­harrte, nur um ein seltenes optisches Naturphänomen zu filmen, das als Grüner Blitz bekannt ist. Selbst als sie das Aufleuchten im Kasten hatte, war sie sich ihres Erfolges nicht sicher, da zwei gleichzeitig laufende digitale ­Kameras nichts davon registriert hatten. Aber das ist eben der Unterschied zwischen binären Pixeln und der Filmemulsion, die Vielschichtigkeit zulässt, wie Dean sagt: «Der analoge Film hat Tiefe.»

Tacita Dean vor dem Kunstmuseum Basel Gegenwart.

Tacita Dean vor dem Kunstmuseum Basel Gegenwart.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Zeit spiele auch bei der Entstehung von «Antigone» eine wich­tige Rolle, erklärt Dean. Da ist zum einen natürlich die Sonnenfinsternis, die den Takt und die Länge des Filmes vorgibt. Vor allem aber beschäftigt der antike Stoff die Künstlerin seit ihrer Geburt, heisst ihre ältere Schwester doch: Antigone. «Über die Jahre lenkte der Name meinen Blick auf Ödipus», erinnert sich Dean in der Begleitpublikation zur Ausstellung. Und auf das Rätsel der Irrfahrt des thebanischen Königs, die räumlich zwar kurz war, aber lange dauerte.

Schon als junge Künstlerin trug sich Dean mit dem Gedanken, diese erzählerische Leerstelle filmreif zu dramatisieren, ohne das Projekt jedoch zur Vollendung zu führen. Stattdessen setzte sie sich mit der Obsoleszenz ihres Mediums auseinander, der Tatsache also, dass technische Neuerungen analoges Handwerk bedrängen. Die Technik der Blendenmaskierung etwa, bei der einzelne Stellen auf dem Filmstreifen abgedeckt und zu unterschiedlichen Zeiten belichtet werden. Auf diese Weise entstand 2018 auch der Experimentalfilm «Antigone».

«Ich arbeitete sozusagen blind», erklärt Dean, «da ich das Ergebnis erst Monate später zu Gesicht bekam.» Das Vorgehen widerspiegelt die zentrale Thematik des Nicht-Sehens, das schwindende Sonnen- und ­Augenlicht überlagert sich mit sprachlichen Bezügen, die Dean auf der Tonebene mit einar­beitet. «Es ist komplex!», erklärt die Künstlerin – und weist Ungeduldige auf die Zeichnungen, Fotografien und Kurzfilme hin, welche die Ausstellung er­gänzen.

Einstürzende Kreideklippen: «Chalk Fall» (2018).

Einstürzende Kreideklippen: «Chalk Fall» (2018).

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Da ist zum Beispiel die monumentale Wandtafel, auf der Dean mit Schulkreide das Einstürzen einer Kreideklippe festhält und so wiederum den Zusammenbruch des künstlerischen Mediums aufgreift: Der Rohstoff Kalk («sedimentierte Zeit») stürzt wuchtig ins Meer und ­wirbelt dabei auch Brexit-­Bezüge auf. Lichtdurchflutete Litho­grafien vom weiten Himmel über Los Angeles sind zu sehen und ein bezaubernder Kurzfilm mit dem Titel «A Cloud Makes ­Itself».

Aus dem Blauen heraus zieht sich ein weisses Gespinst zusammen, wechselt seine Gestalt und wächst. So einfach und bestechend ist die Idee, dass sich nicht nur die Wolke, sondern auch der Film selbst zu erschaffen scheint.

«Antigone», Kunstmuseum Basel Gegenwart, bis 9. Januar 2022. www.kunstmuseumbasel.ch

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