Literatur
Musik wie von einem anderen Planeten

Ein Gesprächsband mit Musikwissenschaftler und Shakuhachi-Koryphäe Andreas Gutzwiller öffnet Ohr, Auge, Hirn und Herz für völlig fremdartige Klangwelten.

Alfred Schlienger
Drucken
Teilen
Andreas Gutzwiller im Gespräch mit dem japanischen Komponisten Ryōhei Hirose in Essen (2003).

Andreas Gutzwiller im Gespräch mit dem japanischen Komponisten Ryōhei Hirose in Essen (2003).

zVg

Am Anfang steht ein veritabler Schlag auf die Ohren. «Was ich da hörte, hat mich einfach umgehauen», erinnert sich der weit gereiste Basler Tonkünstler. «Diese Musik schien mir wie von einem anderen Planeten zu kommen.» Es ist der Herbst 1970 an der Wesleyan University im US-Bundesstaat Connecticut, dem damaligen Mekka der «World music», und der dreissigjährige Andreas Gutzwiller alles andere als ein Anfänger. Er hatte schon in Berlin Musikethnologie studiert, war Mitbegründer der Berliner Schaubühne und während sieben Jahren ihr musikalischer Leiter. Und jetzt diese seltsamen Töne, die der japanische Meister Araki Tatsuya seiner schlichten Bambusflöte entlockte!

Andreas Gutzwiller am Lucerne Festival 2000.

Andreas Gutzwiller am Lucerne Festival 2000.

zVg

«Da wusste ich: Das will ich lernen. Wegen der Klänge und wegen dieser absoluten Musik, die ich nicht einordnen konnte.» Sich andocken an das Fremdartige, sich wissenschaftlich, praktisch und vermittelnd da hineinknien, das wird zur Berufung von Andreas Gutzwiller. Die schlagartige Entschiedenheit für das total Fremde gibt seinem Musikerleben eine ganz neue Ausrichtung. Er lernt im benachbarten Yale Japanisch, reist zum Weiterstudium samt seiner jungen Familie für sieben Jahre nach Tokyo, promoviert und wird als erster Nichtjapaner zum Shihan ernannt, dem höchsten Ehrengrad für Shakuhachi-Spieler. Es folgen Forschungsarbeiten am Pariser IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) von Pierre Boulez, zahlreiche Konzertreisen weltweit und schliesslich der Ruf zurück nach Basel an die Musik-Akademie, wo der Forscher, Praktiker und Musikpädagoge 1994 das «Studio für aussereuropäische Musik» gründet und leitet – ein Hotspot der Welt-Musik mit internationaler Ausstrahlung.

Entfaltung ungewohnter Klangwelten

Der Gesprächsband «Die Welt in einem Ton» von Andreas Gutzwiller und Christoph Wegmann ist ein wunderbar vielfältiges Werkbuch im besten Sinn. Im Zentrum steht dieses eigentümlich archaische Instrument Shakuhachi, das so ungewohnte Klangwelten entfaltet. Dabei eröffnen sich spannende kulturgeschichtliche, historische und soziale Bezüge dieses «überlebenden Fossils», wie es die Autoren nennen, aber auch ganz handfeste handwerkliche Aspekte. So erweist es sich als zusätzlicher Gewinn, dass Gutzwiller in Japan während eines Jahres auch als Instrumentenbauer gearbeitet hat. Und nicht zuletzt wird mit diesem Band das breit gefächerte Wirken eines so intensiven wie ungewöhnlichen Musikerlebens sehr leichtfüssig und mit viel Charme miterzählt.

Hinzu kommt die ausserordentlich schöne und sorgfältige Gestaltung dieses Buches mit über hundert Abbildungen und einer sehr leserfreundlichen Kommentarspalte, die präzis erhellend Hintergrund und Kontext schafft. Höchst dienlich sind auch die diversen Audiolinks, mit denen man in diese «absolute Musik» eintauchen kann, die in ihrer radikalen ästhetischen Reduktion natürlich auch an Zen erinnert.

Das sowohl für musikinteressierte Laien als auch für gestandene Profis besonders Faszinierende dieses Bandes: Er rückt uns im konzentrierten Nachdenken über das Fremde auch das Eigene deutlicher ins Bewusstsein. Was überhaupt macht Musik aus? Wo liegen die kulturellen Prägungen und Normierungen? Was empfinden wir warum als schön, harmonisch oder hässlich?

Das Singuläre an der Shakuhachi-Musik ist ja, dass sie im Gegensatz zur westlichen Musiktradition auf Melodie und Takt weitgehend verzichtet und auch keine strengen Tempovorschriften kennt. Das gibt dieser schwer fassbaren Klangwelt etwas Schwebendes, Flirrendes, gleichzeitig Raumschaffendes, manchmal auch fast schmerzhaft Zerrendes und Stechendes. Denn diese Bambusflöte kann kreischen, säuseln, rauschen, schlagen oder streicheln. «Vor 120 Jahren», sagt Gutzwiller, «hätte man Shakuhachi-Musik für Klänge eines Wahnsinnigen gehalten.»

Ein kluges, grenzüberschreitendes Buch

Vielleicht hat man diese eigentümliche Musik auch schon unbewusst mal gehört. Etwa in einem der Filme von Akira Kurosawa oder in Andrei Tarkowskis letztem Film «Offret». Ein Stück Shakuhachi-Musik fliegt jedenfalls seit 1977 auch auf den «Golden Records» der Voyager-Raumsonden in die Weiten des Alls und hofft darauf, neben Klängen von Bach über Beethoven und Mozart bis hin zu Chuck Berry und Louis Armstrong, von allfälligen Ausserirdischen irgendwann in den nächsten 500 Millionen Jahren – denn das ist die geschätzte Lebensdauer dieser Spezial-CD – enträtselt zu werden.

Wir Irdischen haben es dank des vorliegenden Gesprächsbands etwas leichter, hinter die Geheimnisse dieser Musik zu kommen. Gerne wünscht man sich ähnlich kluge, grenzüberschreitende Bücher auch für andere Künste. Co-Autor Christoph Wegmann als Fragensteller und Kommentator ist seit über zwanzig Jahren als Laie selber Shakuhachi-Spieler und Schüler von Andreas Gutzwiller. Da denkt man unweigerlich, und nicht nur des Asienbezuges wegen, an Brechts berühmtes Gedicht «Legende von der Entstehung des Buches Taoteking», dessen letzte Zeilen, leicht angepasst, lauten: «Denn man muss dem Weisen seine Weisheit auch entreissen. / Darum sei der Schüler auch bedankt: / Er hat sie ihm abverlangt.»

Andreas Gutzwiller / Christoph Wegmann: Die Welt in einem Klang. Gespräche über eine fremde Musik. Schwabe Verlag, Basel 2021.
Buchvernissage: 19. Oktober, 19 Uhr, Ackermannshof, St. Johanns-Vorstadt 19/21 in Basel. Freier Eintritt.

Aktuelle Nachrichten