Literaturfestival
Der Rhein fliesst aufwärts: Die BuchBasel kehrt zurück zur Natur

Mit dem Schwerpunkt Nature Writing untersucht das heute Donnerstag startende Literaturfestival unsere Beziehung zur Umwelt.

Hannes Nüsseler
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Am Quell der Schönheit: Detail aus «Blick vom Isteiner Klotz rheinaufwärts gegen Basel» von Peter Birmann (1819).

Am Quell der Schönheit: Detail aus «Blick vom Isteiner Klotz rheinaufwärts gegen Basel» von Peter Birmann (1819).

Kunstmuseum Basel

Der Rhein entspringt in Basel. Oder Birsfelden, Muttenz, Pratteln, Augst – je nachdem, wie weit in der Zeit zurückgeblättert wird. Zu dieser doch überraschenden Erkenntnis gelangt Hans Jürgen Balmes, der Quellenforschung im grossen Buch der Natur betreibt, um die Biografie eines ganzen Flusses zu schreiben.

Die Entstehung des Basler «Baches» widerspreche der einfachen Logik von Quelle und Mündung, schreibt Balmes in «Der Rhein»:

«Sein Anfang ist in der Mitte zu suchen, und es waren keine Quellen, die einen Wasserlauf entstehen liessen, sondern die Absenkung eines Geländes, die ihn ermöglichte.»

Während Jahrmillionen entwässerte der Oberrheingraben nur die Vogesen und den Schwarzwald, bis der Fluss sich aufwärts in die Schweizer Alpen vorarbeitete. «Landschaft ist ein lebendiger, wenn auch manchmal unendlich langsamer Prozess», schreibt der Autor, der den Flusslauf abwanderte, um sich so der «Seele» des Rheins anzunähern.

Diese Mischung aus naturwissenschaftlicher Betrachtung und Empfindsamkeit, aus Tektonik und seelischer Erschütterung, fällt in das besonders im englischsprachigen Raum beliebte Genre des Nature Writing – ein schwebender Begriff, der die cartesianische Unvereinbarkeit von Subjekt und Objekt auszusöhnen versucht. Für Katrin Eckert, Intendantin des Literaturhauses Basel, die Nature Writing zum Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe des Literaturfestivals BuchBasel erkoren hat, ermöglicht das Schreiben über Natur zudem die Rückbesinnung auf eine während der Pandemie in Vergessenheit geratene Qualität: die Schönheit.

Ein Buch sagt mehr als tausend Statistiken

«Als ich nach einem halben Jahr im Lockdown privat eine Richter-Ausstellung in Zürich besuchte, wurde mir bewusst, wie erfüllend es ist, Schönes zu betrachten», erzählt Eckert. «Dieses Bedürfnis ist aktuell sehr gross.» Während des Lockdowns sei die Ressource Natur intensiver wahrgenommen worden, als Rückzugsort, aber auch als Kraftquelle in unsicheren Zeiten. «Das Verlangen, hinauszugehen, zu wandern und zu gärtnern, hatten wir während dieser Zeit alle.» Und während ein Virus unser Selbstverständnis auf den Kopf stellt, ermögliche gerade Nature Writing eine neue Perspektive auf uns und unseren Platz in der Welt.

«Man muss sich ja nicht gleich fressen lassen»: Katrin Eckert, Intendantin Literaturhaus Basel.

«Man muss sich ja nicht gleich fressen lassen»: Katrin Eckert, Intendantin Literaturhaus Basel.

Ben Koechlin

«Texte wie jene von Helen Macdonald oder Judith Schalansky sind umwerfend, mit Präzision und einer reichen Sprache geschrieben», schwärmt Eckert. «Sie bringen uns die Landschaften und die Welt der Tiere sinnlich näher.» Darüber hinaus führe Nature Writing zu den grossen Fragen, die sich uns aufdrängten – gerade weil das unbeteiligte Beobachten sich als eine Illusion erwiesen habe. «Nature Writing ist nicht nur idyllisch, es blendet die Fragilität und Zerstörung unserer Umwelt nicht aus», erklärt Eckert. «Es reflektiert unseren Standpunkt mit, als Lesende wie auch als Schreibende. Darin steckt enorm viel: die Faszination der Natur genauso wie deren Gefährdung.»

Der Schwerpunkt verhandelt deshalb auch rein wissenschaftliche Fragen, zum Beispiel nach unserem Leben, Arbeiten, Wohnen oder Reisen im Jahr 2050. «Auch da brauchen wir eine konkrete Anschauung. Es stellt sich die Frage, wie wir wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln, damit sich eine breite Bevölkerung angesprochen fühlt.» Klimawandel und Artensterben seien durch Statistiken tausendfach belegt. «Aber was die Leute wirklich bewegt, sind die Geschichten. Bücher berühren uns emotional.»

Blutige Begegnung mit einem Bären

Dabei ist Eckert oft selbst überrascht, welche Themen bei ihr auf Anklang stossen. «Beim Buch von Hans Jürgen Balmes gefällt mir die Vielschichtigkeit, im persönlichen wie im geologischen Sinn.» Die Britin Helen Macdonald – wie Balmes Gast an der BuchBasel – verknüpft in «H wie Habicht» Greifvogelzucht mit Trauerarbeit. Und von der Anthropologin Nastassja Martin las Eckert den blutigen Bericht über die Begegnung mit einem sibirischen Bären, welcher der Autorin das Gesicht zerbiss. «Als ich das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt, dachte ich: Was geht mich das an?», gesteht Eckert. «Aber sie erzählt ihr Erlebnis so spannend, dass sogar ich als Städterin davon fasziniert bin.»

Natürlich bringt Nature Writing auch Unbekömmliches hervor. Eine allzu gefühlsbetonte Nähe zur Natur wächst sich leicht zum emotionalen Raubbau aus – von nationalistischen Tendenzen ganz zu schweigen. «Es gibt Tausende von Neuerscheinungen zu dem Thema, etliche davon sind idealisierend oder vermenschlichend», erklärt Eckert. «Das Mitreflektieren des eigenen Standpunktes ist wichtig, damit man nicht in diese Falle läuft.»

Letztlich sei Natur einfach Natur, sie brauche uns nicht. «Gleichzeitig sind wir selbst ein Teil davon. Die Beschäftigung mit ihr bringt uns persönlich weiter – man muss sich ja nicht gleich von einem Bären fressen lassen», schmunzelt Eckert. Und wenn etwas gut geschrieben sei, passiere das, was bei guter Literatur immer passiere: «Man taucht ein in ein völlig fremdes Universum und glücklich wieder auf!» Zum Beispiel aus einem Strom, der bergauf fliesst.

BuchBasel, Volkshaus und Jazzcampus, 4. bis 7. November. Eröffnung: Do, 4.11., 18 Uhr. Schweizer Buchpreis: So, 7.11., 11 Uhr, Theater Basel. Programm: www.buchbasel.ch

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