Minialbum
Flavian Graber schenkt am «Chuchitisch» Momentaufnahmen aus

Flavian Graber, der frühere Frontmann von We Invented Paris, wandelt Solopfaden und gibt nun auch Wanderkonzerte.

Michael Gasser
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Flavian Graber

Flavian Graber

Dominik Asche / bz

Das Kapitel We Invented Paris sollte letzten Herbst eigentlich sein Finale erleben, doch dann durchkreuzte die Pandemie die Pläne des Kollektivs. «Es wäre schön gewesen, im vergangenen Jahr alles sauber abzuschliessen», betont der frühere Frontmann Flavian Graber. Bloss die Umstände liessen dies nicht zu, weshalb die Abschiedstournee von We Invented Paris nun diesen Oktober über die Bühnen gehen soll.

Worauf sich der 36-Jährige zwar sehr freut («ein schöner Schlusspunkt»), doch er lässt zugleich durchblicken, wie gut es sich anfühlt, jetzt ein neues Kapitel aufschlagen zu können. Mit Anfang 20 habe er von einer Weltkarriere in New York oder London geträumt, heute bevorzuge er sein Familienleben mit drei Kindern im vergleichsweise beschaulichen Liestal.

Doch von seiner Musik gedenkt Graber keineswegs zu lassen. «Nachdem ich jahrelang immer englische Songs geschrieben habe, wollte ich mich weiterentwickeln und mich an Mundartliedern versuchen. Um herauszufinden, ob ich das kann – ohne dabei peinlich zu wirken.» In seinem Studio in Basel ist eine Reihe von Momentaufnahmen entstanden, die am Freitag als Minialbum unter dem Titel «Chuchitisch» veröffentlicht werden – vorerst nur digital.

Die sieben Tracks verfolgen kein bestimmtes Thema, sondern drehen sich um Gedanken und Sätze, die Graber im Alltag beschäftigen. Seine Geschichten handeln von Halbpreiswein, Flecken auf dem Pulli, Zuvielverdienern oder veganen Kochbüchern. Dingen also, die sich gut und gerne bei einem Nachtessen mit der Familie oder Freunden aufs Tapet bringen lassen.

Fokus auf Worten und der Stimme

Mit We Invented Paris verfolgte Graber den gepflegten Indie-Pop, solo präsentiert er jetzt vergleichsweise stille, aber auch urwüchsige Klänge. Seine Lieder, die er selbst im Neoklassik-Bereich ansiedelt, kommen einer Hinwendung zum Privaten gleich: Angereichert mit akustischer Gitarre oder Klavier, liegt der Fokus in erster Linie auf den Worten und der Stimme des Künstlers.

Sein leicht melancholisches Timbre hallt in der Stille nach und kommt einer Aufforderung um Aufmerksamkeit gleich. Während «Kinoguetschein» auf eine Gedankenreise mitnimmt, die mit einer Billettkontrolle beginnt und beim Hinausstellen des Abfallsackes endet, sinniert «Pazifische Fisch» über den richtigen Zeitpunkt des Weggehens. «Meine Lyrics sind vielleicht nicht auf Anhieb verständlich, aber ich bin überzeugt, ihr Inhalt lässt sich erspüren», sagt Graber.

In der Mitte seines Werkes hat der Sänger einen Prolog platziert als kleine Überraschung. In ihm erzählt er von seiner «Oase des Normalen», die er rund um sein Basler Hinterhofstudio erlebt, aber auch von seinen ureigenen Wünschen und von seinem Werdegang. Er habe das Ganze frisch von der Leber gesprochen und selbst im Nachhinein nichts daran verändert. Was für sein Talent zur Spontaneität spricht. Dieses kommt Graber auch bei seiner neuen Wanderkonzertreihe zugute. Entwickelt habe er die Idee, als er sich mit der Frage beschäftigte, wie und wo sich in Zeiten von Covid noch Livemusik realisieren lasse.

Dem Sonnenaufgang zuhören

«Mit We Invented Paris habe ich es genossen, mich mitten ins Publikum zu begeben und dort unverstärkt zu spielen. Letztlich nehmen meine Wanderkonzerte diesen Moment auf und transportieren ihn nach draussen in die Natur», erklärt Graber. Mittlerweile hat er bereits an die zehn dieser Events absolviert, weitere sind noch bis Mitte September geplant. Wer teilnimmt, der spaziert und lauscht während rund anderthalb Stunden sowohl der Musik des Gastgebers als auch der Natur. «Mitunter geht es dabei früh los. Entsprechend kann man manchmal den Sonnenaufgang mitverfolgen und Vogelgezwitscher sowie den Regen tropfen hören. Und weil zwischendurch möglichst nicht geschwatzt werden soll, ergibt sich eine wunderbar intime Atmosphäre.»

Wie lange die Pandemie noch andauert, ist ungewiss. Was bedeutet das für den Musiker Flavian Graber, seine Karriere und seinen Lebensunterhalt? Seine Antwort: «Ich bin seit 2010 als Musiker unterwegs und in all dieser Zeit habe ich nie zu wenig gehabt. Folgerichtig habe ich ein Vertrauen entwickelt, dass sich irgendwo immer eine Türe auftun wird.» Früher habe er Sounds kreiert, die in erster Linie ihm zu gefallen hatten. «Heute will ich stattdessen herausfinden, was ich anderen mit meiner Musik geben kann.» Viel, denn mit «Chuchitisch» beschert der Baselbieter seinem Publikum knapp 25 Minuten Hörstoff, der nicht nur aus dem Leben gegriffen ist, sondern auch zum Nachspüren anregt.

Flavian Graber: «Chuchitisch» erscheint diesen Freitag.
https://flaviangraber.com
https://wanderkonzerte.ch

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