Museum Tinguely
Pilze sammeln mit dem MTV-Paten Bruce Conner

Das Museum Tinguely zeigt Werke des Film-Künstlers und Videoclip-Pioniers Bruce Conner. Keine leichte Kost.

Stefan Strittmatter
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Eine Wucht: Filmstill aus Bruce Conners «Crossroads» (1976), das die Atombombentests im Bikini Atoll von 1946 zeigt.

Eine Wucht: Filmstill aus Bruce Conners «Crossroads» (1976), das die Atombombentests im Bikini Atoll von 1946 zeigt.

Conner Family Trust

Am Anfang steht das Ende: «End of part four» heisst es in grossen Lettern schon nach ­wenigen ­Sekunden. Die verwirrende Kapitelangabe flimmert über die Leinwand, noch ehe der einleitende Countdown zu Ende ist. Dann: 5... 4... eine halbnackte Frau streift ihre Strümpfe ab... 3... 2... 1... «The End». Bruce Conner lässt zu Beginn seines prägenden Erstlings «A Movie» von 1958 keinen Zweifel aufkommen, dass das hier kein normaler Film ist.

Doch das Verwirrspiel geht weiter. Wir sehen reitende Indianer, reitende Siedler, reitende Kavalleristen. Unweigerlich bastelt sich das Hirn des Betrachters daraus jenen Plot, den es aus Dutzenden Western-Filmen kennt. Doch Conner bricht auch hier mit seiner Montage von Found-Footage die Erwartungshaltung. In schnellen Zwischenschnitten legt er dem Narrativ Stolpersteine in den Weg: einen Elefanten, ein Rennauto, einen Panzer. Und wieder heisst es: «The End». Nach zweieinhalb Minuten des zwölf-­minütigen Werks.

Zickiger Punk-Clip und bildgewaltige Meditation

Doch im Museum Tinguely ist «A Movie» erst der ­Anfang: Hier werden neun Filme des US-amerikanischen Künstlers gezeigt, die zwischen 1958 und 1996 ­entstanden sind. Die Längen ­variieren zwischen dreieinhalb («Mongoloid», ein zickiger Proto-­Videoclip zum gleichnamigen Song der Art-Punker DEVO) und 37 Minuten («Cross­roads», Conners bildgewaltige Meditation auf die Atombombentests im ­Bikini Atoll). Allen Filmen ist gemein, dass sie ohne Erzählstruktur im klassischen Sinne auskommen.

Mit seiner Negierung von Plot, Kausalität und Chronologie bürstet Conner sein Publikum konsequent gegen den Strich. Roland Wetzel, ­Direktor des Museum Tinguely, bringt auf den Punkt, wogegen sich Conners Filme stemmen: «Der Mensch hat die faszinierende Angewohnheit, immer Sinn generieren zu wollen.»

Gefangen in der Endlosschlaufe: Filmstill aus «Report» (1963–67).

Gefangen in der Endlosschlaufe: Filmstill aus «Report» (1963–67).

Conner Family Trust

Besonders augenfällig wird das Fehlen einer fortlaufenden Geschichte bei Conners Aufarbeitung des Attentats auf John F. Kennedy. «Report» (1963–67), ein aus Medienbildern collagiertes Werk, bleibt mehrfach in Endlosschlaufen stecken. Wir sehen den US-Präsidenten und seine Gattin Jackie Onassis an jenem schicksalhaften 22. November 1963, wie sie aus der offenen ­Limousine in die Kameras lächeln. Kaum wendet das Paar den Blick ab, lässt Conner die Sequenz zurückspringen. Immer und immer wieder.

Wir wissen, was später kommen wird, sehen die Bilder vor unserem geistigen Auge. Doch bei Conner erreicht das Auto nie jene Stelle, wo Kennedy von einem Schuss niedergestreckt wird. Stattdessen bekommen wir Aufnahmen serviert von der Beisetzung Kennedys drei Tage nach dem Attentat oder von der Hochzeit des Paares zehn Jahre zuvor.

Den entscheidenden ­Moment ausgespart

«Bilder, auch bewegte, haben ein grosses Potenzial, missbraucht zu werden», sagt Roland Wetzel. Und Conner hat nicht zufällig diesen medial so breit abgedeckten Event – die Trauerfeier soll weit über eine Million Menschen vor die TV-Geräte gelockt haben – gewählt, um mit möglichst vielen Bildern möglichst wenig auszusagen. Dieser «Report» vermeldet nichts Neues, und lehrt uns damit etwas Substanzielles über uns und unseren voyeuristischen Trieb. Denn ein Film über das Ken­nedy-Attentat, der den entscheidenden Moment ausspart, der nicht zeigt, wie sich die First Lady über den zur Seite geneigten Gatten beugt, lässt uns unangenehm unbefriedigt zurück.

Bilderflut und Feuerwerk: Filmstill aus Conners «Looking For Mushrooms» (1959–1967 respektive 1996).

Bilderflut und Feuerwerk: Filmstill aus Conners «Looking For Mushrooms» (1959–1967 respektive 1996).

Conner Family Trust

Kaum zu bewältigen sind auch die beiden Versionen von «Looking For Mushrooms» (1959–1967 respektive 1996), wo Conner seine Experimente mit bewusstseinserweiternden Pilzen filmisch nachgebildet hat. In einer enorm dicht geschnittenen Bilderflut zündet der als Godfather of MTV gehandelte Künstler ein farbliches Feuerwerk, in dem die Einzelbilder nur noch unterschwellig wahrgenommen werden können.

Nach dieser visuellen Dauerattacke ist der in langen Totalen gehaltene «Cross­roads» (1976) eine Wohltat für die Sinne. Im Wand füllenden Grossformat und in einer klanglich isolierten Kabine gezeigt, geraten die Aufnahmen der Atombombentests von 1946 zur Meditation. Man schwelgt in den von der US-­Armee mit Hunderten Kameras festgehaltenen Explosionen und vergisst dabei das Grauen, das sie bedeuten.

Insbesondere in der zweiten Hälfte des Filmes, die in gefühlt end­losen Einstellungen die gespenstische Stille nach den Detonationen abbilden, entwickelt der Film einen enormen Sog. Das Unvorstell­bare ist geschehen, das Ende ist nah, doch das war erst der Anfang.

«Bruce Conner: Light Out Of Darkness»,
Museum Tingely, bis 28. November 2021. www.tinguely.ch