Neuer Deutscher Film
Gnadenschuss für Opas Kino: Neuer Deutscher Film im Stadtkino Basel

Das Stadtkino Basel widmet sich im November dem Aufbruch des deutschen Films in den 60er-Jahren – und dem wilden Amazonas.

Alfred Schlienger
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Uschi Glas und Werner Enke auf Spritztour in «Zur Sache, Schätzchen».

Uschi Glas und Werner Enke auf Spritztour in «Zur Sache, Schätzchen».

zvg /Deutsche Kinemathek

Vergessen wir manchmal, was wir an einem Stadtkino alles haben? Es ist ja ein wahres Multiplex für multiple filmische Bedürfnisse. Fundstelle für früher Verpasstes, Entdeckungsort für Nachgeborene, Begegnungsstätte für Wiedersehenssüchtige. Das Stadtkino bietet immer wieder die Zusammenschau einzelner Regiehandschriften, einer Schauspielerpersönlichkeit, einer filmischen Epoche – und nicht zuletzt ist es eine unverzichtbare Prüfstelle für unsere filmischen Erinnerungen. Funktioniert das noch, was uns vor zehn, zwanzig, dreissig Jahren so verzückt hat?

Diesmal also der Neue Deutsche Film, der in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts programmatisch die Abkehr von Opas Kino verkündete, den radikalen Abschied vom drögen Heimats- und Gemütskino der Nachkriegszeit. Deutschland ist da ein Nachzügler. In Frankreich war bereits die «Nouvelle Vague» vorausgegangen, in England die Bewegung des «Free Cinema»; im Ostblock, vor allem in der Tschechoslowakei und in Polen, waren junge Regisseure dabei, den sozialistischen Realismus zu unterminieren, und in Brasilien entwickelte sich das «Cinema Novo» unter Glauber Rocha. Aber klar, lieber spät als nie. In all diesen Filmen weht deutlich der Vor- und Nachwind von '68.

Noch nicht über den Berg: «Fitzcarraldo» mit Klaus Kinski.

Noch nicht über den Berg: «Fitzcarraldo» mit Klaus Kinski.

zvg / Alamy

Geprägt wurde die Aufbruchsepoche des deutschen Films ganz wesentlich durch Namen, die noch heute Geltung haben: Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog oder Werner Schroeter – aber auch von einigen Frauen wie Ulrike Ottinger, May Spils, Helke Sander, Ula Stöckl oder Margarethe von Trotta. Ein absoluter Renner, auch in der Schweiz, war damals May Spils’ «Zur Sache, Schätzchen» (1967) mit Werner Enke und Uschi Glas. Der leidenschaftliche Nichtstuer Martin gefällt sich in der Rolle des entspannten Verweigerers, er nervt die Polizei, kehrt die Geschlechterbilder um und fragt seine neue Bekanntschaft Barbara so lässig wie keck: «Kannst du mich überhaupt ernähren?» Man wird nun überprüfen können, ob uns das heute immer noch aus den Socken haut vor Lachen.

In den düsteren Untergrund eines Knabeninternats führt uns Schlöndorffs subtile Musil-Verfilmung «Der junge Törless» (1967), der durch seine untätige Beobachtung sadistischer Quälereien quasi zum Mittäter wird – eine hochdifferenzierte Adoleszenz-Studie mit dem jungen Mathieu Carrière. Wim Wenders ist seinerseits mit dem frühen Meisterwerk «Im Lauf der Zeit» (1976) vertreten, einem Roadmovie über eine ambivalente Männerfreundschaft entlang der deutschen Zonengrenze. Und Werner Herzog bietet uns in «Fitzcarraldo» (1981) ein Wiedersehen mit einem der wahnwitzigsten Bilder der Filmgeschichte, wo der – wie immer – besessene Klaus Kinski Hunderte von Indios antreibt, ein riesiges Schiff über eine Urwaldhöhe zu schleppen. Selten ist die Verschmelzung von Kunstwille und Wahnsinn greifbarer.

Halluzinogener Traum in Schwarz-Weiss: «El abrazo del serpiente».

Halluzinogener Traum in Schwarz-Weiss: «El abrazo del serpiente».

zvg

Wie immer zeigt das Stadtkino auch im November ein Zweitprogramm mit einem anderen Fokus, der diesmal dem Filmschaffen im Amazonas-Dschungel gewidmet ist. In Zusammenarbeit mit Culturescapes werden ein Dutzend sehr spezieller Filme aus diesem Erlebnisraum gezeigt. Hier kann nur einer herausgehoben und besonders empfohlen werden: «El abrazo de la serpiente» (2015) des Kolumbianers Ciro Guerra. Ganz aus der Perspektive der Indigenen erzählt, wird der Film zu einem wahren Trip ins Herz des Regenwaldes. Ein Rausch, bei dem sich Zeiten und Räume vermischen wie in einem halluzinogenen Traum. Alles in Schwarz-Weiss – und gerade deshalb so hinreissend.

Neuer Deutscher Film, bis 29.11. Begleitveranstaltungen u. a. mit Ulrike Ottinger und Volker Schlöndorff. Vollständiges Programm: www.stadtkinobasel.ch
Fotoausstellung von Beat Presser: «Hommage an den Neuen Deutschen Film» in der Galerie Carzaniga, bis 8. Januar 2022.

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