Persönlich
Falsche Anrede, richtiger Reflex

Genderkorrekte Sprache: Keine Frage! Doch lässt sich die Semantik nicht alles bieten, was im Grunde gut gedacht war.

Stefan Strittmatter
Drucken
Aufgepasst am Rednerpult: Nicht alles, was richtig klingt, stimmt auch.

Aufgepasst am Rednerpult: Nicht alles, was richtig klingt, stimmt auch.

Peter Klaunzer / Keystone

Gendergerechte Sprache – und darüber müssen wir hier gar nicht erst diskutieren – ist richtig und wichtig. Denn, wer im Sprachgebrauch nicht gleichwertig abgebildet wird, stösst auch im Alltag auf Hürden. Und solche gehören eigentlich überall ausnahmslos abgebaut. Ausser vielleicht bei Einstiegs­drogen und Olympischen Spielen.

Auch der Verlag dieser Zeitung hat ein Manual geschaffen, das den Redaktorinnen und Redaktoren den Weg weist durch das Dickicht des sprach­lichen Hürdenabbaus. Dennoch, oder womöglich gerade deswegen, war ich unlängst Teil einer kleinen Debatte im Redaktions-Kreis. Es ging um die oft gelesene Formulierung «Mitglieder und Mitgliederinnen».

Natürlich ist «Mitgliederinnen» semantisch gesehen unsinnig: Da «Mitglied» sächlich ist und nicht männlich, braucht es keine weibliche Form, um gegenzusteuern. Wie schief sich der Begriff anhört, bemerkt man jedoch erst im Singular: «Liebes Mitglied, liebe Mitgliederin» – das würde nun wohl wirklich niemand sagen oder schreiben.

Andererseits: Dass die Anrede «liebe Mitglieder und Mitgliederinnen» instinktiv nicht komplett falsch tönt, und dass das weibliche Wort bei einer Google-Suche imposante fünf Millionen Treffer erzielt, zeigt immerhin, dass der Hürdenabbau zumindest teilweise schon automatisiert vonstattengeht. Einen solchen Reflex – und sei er vorerst nur bei Begrüssungen – kann man nur begrüssen.

Aktuelle Nachrichten