Pilotveranstaltung
Nur vier Personen abgewiesen: Offbeat-Veranstalter Urs Blindenbacher zieht positive Bilanz

Die Star-Gitarristen Ulf Wakenius und Lionel Loueke spielten in der Kirche Don Bosco vor 300 Personen – als Pilotprojekt.

Christoph Dieffenbacher
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Lob für das «sehr gut erzogene Jazzpublikum» von Urs Blindenbacher.

Lob für das «sehr gut erzogene Jazzpublikum» von Urs Blindenbacher.

Roland Schmid / BLZ

Den Eingang in die Kirche Don Bosco konnte nur passieren, wer geimpft, negativ getestet oder von Corona genesen war. Erst auf den frei wählbaren Sitzplätzen durfte die Maske ausgezogen werden, was manche nicht davon abhielt, sie weiter aufzubehalten. Eine Pandemie macht eben vorsichtig. Für viele Besuchende war es fast ein ungewohntes Erlebnis, wieder im Konzertsaal ohne Abstand und Maske mitten unter andern zu sitzen. Vielleicht hat es sich das Publikum inzwischen schon abgewöhnt, ein solches zu sein, konnte man zu Beginn des Abends vermuten.

Das Jazz-Gitarrenkonzert in der neuen Konzertkirche – mit Einzelauftritten des Schweden Ulf Wakenius und des aus Westafrika stammenden Lionel Loueke – war vom Kanton als eines von drei Kultur-Grossveranstaltungen mit Auflagen zugelassen worden. In dem eben umgebauten Saal mit seiner hervorragenden Akustik boten die beiden Stars denn auch zeitgenössischen Jazz auf hohem Niveau. Und sie freuten sich sichtlich darüber, nach dem Corona-Unterbruch wieder vor grösserem Publikum spielen zu können. Absagen musste dagegen der ebenfalls eingeladene britische Spitzengitarrist Martin Taylor.

Von Skandinavien über Brasilien nach Südkorea

«Es ist fantastisch, wieder auf der Bühne zu stehen», formulierte es Ulf Wakenius, der jahrelang Mitglied im Quartett des legendären Jazzpianisten Oscar Peterson war. In launigen Worten erzählte er dem Publikum, wie es zum ersten gemeinsamen Konzert mit seinem Idol gekommen war. Immer wieder ist der 63-jährige Schwede auch mit anderen Jazzkollegen und -kolleginnen aus aller Welt unterwegs, was seine Musik stark prägt. So führte seine Konzertreise von Skandinavien über Brasilien und den Orient bis nach Südkorea. Grossartig zum Beispiel, wie sich bei dem vielseitigen Gitarristen eine einfache japanische Weise unmerklich in einen Calypso-Song verwandelte.

Der Schwede Ulf Wakenius wechselt zwischen schnellen und ruhigen Passagen.

Der Schwede Ulf Wakenius wechselt zwischen schnellen und ruhigen Passagen.

Roland Schmid / BLZ

Wakenius' Basler Soloprogramm auf der akustischen Gitarre umfasste Stücke, in denen sich schnelle Rhythmen mit ruhigen, melodiösen Passagen abwechselten. Auf seiner Tour durch aktuelle Jazz- und Weltmusik präsentierte er Eigenkompositionen wie auch Bearbeitungen von Kollegen wie Pat Martino und Keith Jarrett. Ebenfalls dabei war eine stimmungsvolle Neuinterpretation des Songs «And I Love Her» aus dem aktuellen Album «Taste Of Honey», eine direkte Hommage an Paul McCartney.

Ein Weltstar in der Band von Herbie Hancock

Wie völlig anders eine Gitarre tönt, die elektronisch verstärkt und mit einer siebten, tiefen Saite versehen ist, zeigte der zweite Teil des Abends. Was Lionel Loueke alles aus seinem Instrument herausholte, war beeindruckend: Da wechselten sich die Beats und die Melodien ab, übernahmen abwechselnd die Führung, konnten sich verändern, abrupt stoppen und wieder neu beginnen. Auch seine Stimme und Mundgeräusche setzte Loueke ein. Mit Können und Spielfreude verstand es der Künstler, die musikalische Spannung aufrechtzuerhalten und das Publikum aus seiner Reserve zu locken – es taute zunehmend auf.

Lionel Loueke unterrichtet auch als Dozent auf dem Jazzcampus der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Lionel Loueke unterrichtet auch als Dozent auf dem Jazzcampus der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Roland Schmid / BLZ

Loueke spielt seit über 15 Jahren in der Band des weltbekannten Pianisten Herbie Hancock und gilt als einer der eigenständigsten und originellsten Künstler des zeitgenössischen Jazz. Auch mit internationalen Grössen wie Chick Corea, Terence Blanchard und Wayne Shorter stand er schon auf der Bühne. Viele seiner präsentierten Stücke stammen aus dem aktuellen Album «HH», auf der Loueke die Musik seines Meisters und Entdeckers Hancock neu und eigenständig interpretiert – so auch in den stark funkigen Standards «Cantaloupe Island» und «Rock It».

Geboren 1973 in Benin, hatte Loueke seine Karriere in Westafrika als Perkussionist begonnen, zog später zum Studium nach Paris, wo er für sich Jazz und Fusion entdeckte, bevor er in die USA und dort an das renommierte Thelonious Monk Institute in Los Angeles weiterzog. Heute besuche er Basel regelmässig einmal im Monat, sagte er – wie andere internationale Jazzmusiker unterrichtet er als Dozent auf dem Jazzcampus der Fachhochschule Nordwestschweiz.

«Jazzpublikum sehr gut erzogen»

Laut Urs Blindenbacher von Offbeat zählte das Konzert rund 300 von möglichen 350 Besuchenden, was der Veranstalter und Jazz-Impresario angesichts etlicher Unklarheiten im Vorfeld und der Kontrollen als Erfolg sieht. Nur vier Personen habe er am Eingang abweisen müssen. Der Aufwand habe sich gelohnt, sagte Blindenbacher nach dem Konzert und stellt dem «sehr gut erzogenen Jazzpublikum» Basels ein positives Zeugnis aus – und natürlich auch den beiden Musikern des Abends. Mit ihren zwei Gitarren und insgesamt 13 Saiten hatten sie einen möglichen Wiederbeginn der kulturellen Grossanlässe nach Corona versprochen.