Pop
Sam Himself liefert sich ein Duell mit den eigenen Songs

Mit «Never Let Me Go» veröffentlich Sam Himself seinen zweiten Longplayer. Der Basler Musiker verlässt darauf die Komfortzone und fordert sich selber heraus.

Stefan Strittmatter
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Sam Himself bleibt auf dem Boden – mit dem Kopf in den Wolken.

Sam Himself bleibt auf dem Boden – mit dem Kopf in den Wolken.

Bild: zvg/Stefan Tschumi

Man kann den Mann nicht interviewen. Nicht, weil sich Sam Himself nicht auszudrücken wüsste, nicht weil er mit seiner Meinung hinter dem Berg hält. Ganz sicher nicht, weil er nichts zu sagen hätte. Sondern weil ein Interview mit dem drahtigen Basler, der bürgerlich Samuel Koechlin heisst und der sich in nur drei Jahren einen Namen in der Schweizer Poplandschaft gemacht hat, zwangsläufig in ein einnehmendes Gespräch ausufert.

Die erste Frage stellt denn auch nicht der Journalist, sondern der Musiker, dessen Eintreffen in der vereinbarten Bar einer Filmszene gleicht. Keuchend strauchelt er direkt vom Velo zur Türe hinein, entschuldigt sich für die kleine Verspätung. Und fragt: «Bist Du gut?», ehe er sich an der Bar einen grossen Eistee holt. «Bist Du gut?» – das ist eine zu wörtlich aus dem Englischen übertragene Frage danach, ob das Getränk des Gegenübers noch voll sei, ob man noch alles habe, was man braucht.

Die Zusammenarbeit mit dem «second Beatle»

Überhaupt entweichen der Mann, der um sein Alter ein Geheimnis macht, ab und an englische Begriffe und Wendungen, denn New York, die Wahlheimat, die er nach mehrjährigem Aufenthalt während der Pandemie verlassen musste, steckt ihm noch immer in den Knochen. Und im Lebensplan: Die Freundin, gerade in Basel zu Besuch, stammt von da, der wichtigste musikalische Bezugspartner wohnt und arbeitet dort. Mit Daniel Schlett – Sam nennt ihn in scherzhafter Anspielung auf Produzenten-Legende George Martin seinen «second Beatle»– hat er in der amerikanischen Metropole auch sein zweites Album eingespielt.

Für Sam Himself zeigt der Weg steil nach oben.

Für Sam Himself zeigt der Weg steil nach oben.

Bild: zvg/Stefan Tschumi

War der Sänger beim ersten Longplayer «Power Ballads» (2021) mit weitestgehend fertigen Arrangements angereist, so hat er dieses Mal bewusst nur Skizzen ins Studio gebracht, die erst im Zusammenspiel mit Schlett und den Studio-Musikern Chris Egan (Schlagzeug) und Josh Werner (Bass) zur fertigen Form fanden. «Soll ich nun Namedropping machen?», fragt Sam. Und zählt dann auf, für welche Grössen die beiden schon im Einsatz standen: Blood Orange, Solange, Ghostface Killah oder CocoRosie sind darunter.

Das Lob der Studio-Musiker

Dann schwärmt er davon, wie diese erfahrenen Studio-Musiker immer im Dienste des Songs spielen, keine Note zu viel. Voller Lob ist Sam auch für seine Basler Begleitband, mit der er bereits gut einhundert Gigs gespielt hat. Dass er nicht mit der ganzen Truppe nach New York gereist sei, habe natürlich auch finanzielle Gründe. Doch wollte sich Sam Himself mit der Wahl der fremden Musiker auch aus der Komfortzone herausholen: «Bei solchen Grössen musst Du was liefern. Wenn die dann zwischen zwei Takes sagen <nice song, Sam>, dann bedeutet das schon was.»

Nice songs, tolle Lieder, die hat Sam Himself wahrlich wieder im Köcher, wie sich auf «Never Let Me Go» nachhören lässt. Zwei weitere Stücke, eines davon der Titeltrack, hat er sich erst im Studio «aus den Fingern gesaugt», erklärt er. Und beschreibt den Prozess seines Songwritings als Mischung aus unfassbarer Eingebung und zermürbender Fleissarbeit.

Die Melancholie bleibt in den Songs von Sam Himself.

Die Melancholie bleibt in den Songs von Sam Himself.

Bild: zvg/Stefan Tschumi

Was ihn dabei von anderen Singer/Songwritern abhebt: Sam Himself stellt sich nicht in den Dienst der Lieder, sondern konstruiert diese bewusst als Vehikel für seine Gefühle. So schreibe er immer in einer Stimmlage, die für ihn leicht zu hoch sei. Damit mache er sich besonders auf der Bühne «verwundbarer», sagt er mit einer sonoren Stimme, deren Tiefe in den Stücken angedeutet aber nie ausgelotet wird.

Das Gefühl der Proto-Nostalgie

Das Lied also als Herausforderer in einem Duell. Also auch hier bloss keine Komfortzone. Überhaupt will es sich Sam Himself nicht zu einfach machen. Einen wirklich grossen Hit etwa würde er schon nehmen, wenn es sich ergibt, so realistisch und ehrlich ist er. Aber dafür verbiegen will er sich auf keinen Fall: «Sonst hast du nachher so ein ungeliebtes Stiefkind im Repertoire, das dich bis ans Lebensende verfolgt.» Aber ob ein Song so richtig einschlägt, das hänge ohnehin von vielen Faktoren ab, die man als Musiker nicht steuern könne.

Sam Himself ist ein Meister im Vermeiden von Komfortzonen.

Sam Himself ist ein Meister im Vermeiden von Komfortzonen.

Bild: zvg/Stefan Tschumi

Ob sich in den zehn stimmigen Songs auf dem neuen Album so eine kommerzielle Perle findet, wird sich erst noch zeigen. Auffällig ist, dass das Album mehr aus einem Guss daher kommt als sein Vorgänger. Keine Ausreisser – in beide Richtungen. Dafür zügigere Tempi als auf «Power Ballads», längere Passagen, die einfach «fahren», und etwas mehr New-Wave-Weltschmerz statt Country-Melancholie. Die Sehnsucht bleibt in den Melodien und Texten von Sam Himself aber ein Dauergast: «Proto-Nostalgie» nennt er das. Dass er schon jetzt Dingen oder Personen nachhänge, die er noch gar nicht verloren habe.

Dann sind zwei Stunden vorüber, das Zigarettenpäckchen leergeraucht und der nächste Termin in Reichweite. Er müsse leider los, entschuldigt er sich zum Abschied und schwingt sich wieder auf sein Fahrrad. All good, Sam, all good!

Sam Himself: «Never Let Me Go», Sony, 27. Januar.
Live: Kaserne Basel, 18. Februar.