Rappaz Museum
Auf die Haut gestempelte Gedanken

Der Basler Fotograf Christian Vogt zeigt im Rappaz Museum seine Schwarz-Weiss-Serie «Skinprints».

Christoph Dieffenbacher
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Schon vor 40 Jahren hat der Fotograf mit seiner Serie begonnen.

Schon vor 40 Jahren hat der Fotograf mit seiner Serie begonnen.

Christian Vogt

Kurze, philosophische Sätze sind auf die Haut gestempelt, meist auf die Innenfläche von Händen. Auf Anhieb mag die Fotoserie «Skinprints» in Schwarz-Weiss etwas monoton wirken – doch dann verbinden sich die Aussagen mit den organischen Oberflächen zu einer Art von Sinnbildern, die zum Nachdenken anregen. Assoziationen zu eingebrannten KZ-Lagernummern oder Tattoos kommen auf. Später richtet sich der Blick auf kleinste Unterschiede, etwa auf die Lebenslinien und die unregelmässigen Strukturen auf der Haut.

Mit Tätowierungen, wie sie sich viele stechen lassen, kann Christian Vogt nicht viel anfangen. Erste Ideen für seine «Skinprints» kamen ihm schon vor über 40 Jahren, geschaffen hat er sie vor allem seit 2008/09. «We like to watch/but would love to see» und «Believers believe they know» heissen zwei der Werke, die für die ganze Serie stehen könnten. Es geht in den meist in Englisch gehaltenen Sentenzen um Wissen, Anschauung, Sehen und Verstehen, auch um Vorurteile im Denken und die Konstruktion von Wirklichkeit.

Der heute 75-jährige Basler gehört zu den bedeutendsten Schweizer Fotografen der Nachkriegszeit. Bereits früh konnte er neben Auftragsarbeiten eigene Werke in internationalen Zeitschriften und Magazinen wie «Du» und «Camera» veröffentlichen, oft in Serien: Architekturaufnahmen, Bilder von Landschaften und von Reisen, Aktfotos und Porträts. In Einzelausstellungen von New York bis Tokio und in internationalen Museen waren und sind seine Werke präsent.

Der Fotograf als «Sammler von Zufällen»

In Fachkreisen gilt Vogt nicht als der klassische Bildreporter, wie es für die Schweizer Fotografie lange typisch und zum Markenzeichen geworden war. Er ist vielmehr einer, der seine Bilder der Wirklichkeit bewusst und sensibel inszeniert. Oft setzt er seine Objekte und Modelle auch in expressive und surreale Zusammenhänge, verändert und verfremdet sie. Dabei bezeichnet er sich gerne auch als «Sammler von Zufällen».

Christian Vogt.

«Die Sätze der Reihe entstehen aus allgemeinen Erfahrungen und Einsichten, die manche kennen», sagt der Künstler im Gespräch. Es seien aber immer eigene Gedanken, die ihm vor dem Einschlafen, beim Warten oder nach einem Gespräch kommen. Manchmal feile er so lange daran, bis sie für ihn stimmten. Handwerklich anspruchsvoll sei dann die Ausführung, der Moment, wenn der Künstler die mit Tinte getränkten Gummistempel auf die Haut von Bekannten drückt. Da müssen Position und Licht genau stimmen, bevor fotografiert wird. Nie bearbeitet er die Bilder nachträglich digital – darauf legt Vogt besonders Wert.

Was einem an oder unter die Haut kommt, geht ans Lebendige, schreibt sich ein. Die menschliche Haut als Hinter- und Untergrund für seine Gedanken habe er gewählt, weil sie nicht allzu stark vom Inhalt ablenkt, sagt Vogt: «Es liegt auf der Hand.» Dass er die Serie von Anfang an in Schwarz-Weiss aufnahm, sei für ihn daher immer klar gewesen. Genauso wie bei vielen seiner «fotografischen Notizen» mit handschriftlichen Kurztexten, an denen Vogt ebenfalls seit Jahrzehnten arbeitet.

Er verstehe sich nicht unbedingt als Erfinder der Gedanken, sagt der Künstler. Manches erlebe er eher traumhaft, die Einfälle gingen oft durch ihn hindurch. Jedenfalls geben seine Hautbilder zu unterschiedlichen Deutungen und Interpretationen Anlass. So erinnern sie etwa an Kafkas Erzählung «In der Strafkolonie», in der einem Gefangenen das Urteil mit einem Folterapparat auf die Haut gestochen wird. Der Mann kennt sein Urteil nicht. «Es wäre nutzlos, es ihm zu verkündigen», heisst es. «Er erfährt es ja auf seinem Leib.» Immerhin lässt sich die Farbe der «Skinprints» nach einiger Zeit wieder abwaschen.

Christian Vogt, «Skinprints». Rappaz Museum, Basel, bis 19. September 2021. Geöffnet Mi–Fr, 14–18 Uhr, Sa/So, 13–17 Uhr. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation. www.rappazmuseum.ch

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