Retrospektiven
Frauen auf dem Schirm: Das Stadtkino Basel zeigt zwei Filmikonen

Das Stadtkino Basel startet mit zwei unkonventionellen weiblichen Filmikonen in die neue Saison: Ida Lupino und Valeria Bruni Tedeschi.

Alfred Schlienger
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Ida Lupino mit Robert Ryan in «On Dangerous Ground» (1952).

Ida Lupino mit Robert Ryan in «On Dangerous Ground» (1952).

Film Lobster

Es ist wie so oft, wenn man das neue Programm des Stadtkinos in den Händen hält: Man möchte gleich einen Monat freinehmen, um nichts zu verpassen. Für eines ihrer letzten Programme in Basel – Nicole Reinhard verlässt nach 16 Jahren als Direktorin das Stadtkino diesen Dezember in Richtung Zürcher Filmpodium – zieht sie zwei veritable weibliche Trümpfe aus dem Ärmel, die für einige Entdeckungen gut sind.

Ida Lupino (1918–1995) trennt ein halbes Jahrhundert von Valeria Bruni Tedeschi (geboren 1964). Aber es verbindet die beiden, dass sie sowohl in zahllosen Filmen als virtuose Schauspielerinnen mitgewirkt als sich auch im männerdominierten Regiefach überzeugend durchgesetzt haben. Gemeinsam ist ihnen aber vor allem ihre unkonventionelle Sicht auf Frauenbilder. Beide interessieren sie sich für Menschen, Frauen und Männer, die aus ihrer gewohnten Bahn geworfen werden.

In London als Kind in eine Schauspielerfamilie geboren, kommt Ida Lupino bereits mit 15 Jahren nach Hollywood. Die Chance zu ihrem ersten eigenen Film bekommt sie 1949 mit 31, weil der Regisseur am dritten Drehtag einen Herzinfarkt erleidet und sie einspringen darf – ohne dann im Vorspann des Films als Regisseurin genannt zu werden.

Lupino ist für viele Jahre eine der ganz wenigen Frauen, die in Hollywood Regie führen können. Sie schreibt auch selber Drehbücher, und als keines der grossen Studios ihre Geschichte einer unehelichen Mutter aus der Unterschicht verfilmen will, gründet sie kurzerhand eine eigene Produktionsfirma und übernimmt selber die Regie. Neben den über hundert Filmen als Schauspielerin zeichnet sie in der Folge für über vierzig Regiearbeiten für Film und Fernsehen verantwortlich.

Ein Korb für Ronald Reagan

Lupino zeigt eine Vorliebe für sozial stigmatisierte Figuren. Die Themen ihrer Filme sind für das Hollywood der 50er- und 60er-Jahre sehr eigenwillig. Sie greift brisante Stoffe auf wie Vergewaltigung, Bigamie, Geschlechtsrollenzwänge und taucht sie in eine nüchterne, dokumentarisch geprägte Form, die vom italienischen Neorealismo, aber auch vom Film noir beeinflusst ist.

Als Schauspielerin wirkt sie an der Seite von Humphrey Bogart, Jean Gabin oder Errol Flynn und versteht es, auch moralisch anrüchigen Figuren eine fast schon aristokratische Würde zu verleihen. In der McCarthy-Ära steht ihr dritter Mann, Howard Duff, auf der Schwarzen Liste; und als sich Lupino weigert, an der Seite des Denunzianten Ronald Reagan zu spielen, wird sie vorübergehend gesperrt.

Valeria Bruni Tedeschi in «La pazza gioia» (2016).

Valeria Bruni Tedeschi in «La pazza gioia» (2016).

Filmcoopi

Nicht weniger eigenwillig, wenn auch aus anderem Holz geschnitzt, zeigt sich die Filmarbeit von Valeria Bruni Tedeschi. Sie entstammt einer reichen Turiner Industriellenfamilie, die Mutter ist Konzertpianistin, der Vater Komponist und Kunstsammler. Wegen der Entführungsbedrohung gegen Industrielle durch die Roten Brigaden übersiedelt die Familie nach Frankreich, als Valeria neun ist.

Ein Kernelement ihres Schaffens sowohl als Schauspielerin wie auch als Regisseurin wird die Auseinandersetzung mit diesem grossbürgerlichen Milieu, aus dem sie selber kommt. Autobiografisches kann sich nicht selten als Falle erweisen. Valeria Bruni Tedeschi entgeht dieser Gefahr, weil sie es versteht, auch Eigenes mit viel Selbstironie und Witz und gleichzeitig mit echten, intensiven Gefühlen aufzumischen.

Frauen drehen Filmgeschichte

Ihr Lieblingsgefäss ist der emotionale Schüttelbecher. Von hoch zu tief, rauf und runter und nochmal ringsherum. So kann sie filmisch auch enthüllen, dass Carla Bruni – Model, Sängerin und Sarkozy-Gattin – nur ihre Halbschwester ist. Oder dass ihr Bruder an Aids gestorben ist. Im Fokus steht aber meist die mal bissige, mal verspielte Entzauberung der Klasse der Privilegierten.

Idealtypisch präsentiert sich dieses Wechselbad der Gefühle in François Ozons «5x2»: Der Film erzählt die Geschichte einer Ehe in fünf Stationen, aber rückwärts, also beginnend mit Scheidung und letztem Treffen. Mehr Desillusionierung mit bösem Charme geht nicht. In der Komödie «Il est plus facile pour un chameau …» von 2003 führt Bruni Tedeschi erstmals selber Regie, schreibt das Drehbuch und spielt auch die Hauptrolle, eine junge Schriftstellerin, die unter der schweren Last des zu erwartenden Erbes zerbricht.

Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit sind die Grundmerkmale ihrer zwischen Sanftheit, Revolte und Wahnsinn irrlichternden Figuren. Und so in allen Schattierungen aufgeraut und brüchig ist auch ihr in Schönheit entgleisendes Gesicht, ihre Stimme, ihr gezielt fahriges Spiel. Ein leinwandfüllendes Ereignis.

Zwölf Filme mit Valeria Bruni Tedeschi sind in diesem Monat zu sehen. Gerne hätte man auch «Il capitale umano» (2013) von Paolo Virzì dabeigehabt, einen Thriller, der spannungsvoll in die Eingeweide des Finanzkapitalismus zielt.

Aber bei so vielen Geschenken soll man nicht mäkeln. Vor allem auch, weil das Stadtkino ein reichhaltiges Zusatzangebot im Köcher hat: Mark Cousins’ Filmprojekt «Women Make Film. A New Road Movie Through Cinema». Das insgesamt 14 Stunden umfassende Werk nimmt in fünf Teilen während der nächsten fünf Monate das Publikum mit auf die Reise durch eine von Frauen geprägte Filmgeschichte. So sieht konsequente Programmierung aus.

Saisoneröffnung: 26. 8., 18.30 Uhr, Filmvorführung «The Bigamist» mit einem einführenden Vortrag von Johannes Binotto. Danach Eröffnungsapéro.
«Ida Lupino Revisited», 30. 8., 20.30 Uhr. Podiumsgespräch mit Elisabeth Bronfen und Johannes Binotto. Detailprogramm: www.stadtkinobasel.ch

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