Saint-Louis
Hier ist auch im Herbst noch Sommer: Diese Ausstellung bringt den Sandstrand ins Elsass

Kunst statt Likör: Die Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis stellt zwei Maler und einen Fotografen aus drei Ländern vor.

Christoph Dieffenbacher
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Yiorgos Kordakis: «Global Summer # 27».

Yiorgos Kordakis: «Global Summer # 27».

zvg/Yiorgos Kordakis

Nicht einmal im Museum ist jetzt der heissen Jahreszeit zu entkommen: «Global Summer» heisst eine Bilderserie, die derzeit in Saint-Louis ausgestellt ist, geschaffen vom griechischen Fotografen Yiorgos Kordakis (*1973). Männer, Frauen und Kinder vergnügen sich an namenlosen, sonnigen Orten, an Stränden von Meeren, Seen und Flüssen, in Pools und Bädern.

Überall ziehe Wasser den Menschen unwiderstehlich an, sagt Kordakis. Seine mit der Sofortbildkamera aufgenommenen und vergrösserten Fotos sind teils unscharf, überbelichtet und in unnatürliche Farben getaucht. So sieht ein Sandstrand aus wie eine weisse Schneefläche – offensichtlich spielt die Fotoserie von 2005/09 nicht auf den Klimawandel an. Unbeschwertheit prägt die Badelandschaften.

Yiorgos Kordakis: «Global Summer # 3».

Yiorgos Kordakis: «Global Summer # 3».

zvg/Yiorgos Kordakis

Die sommerlich leichten Polaroidbilder mit ihren bewussten Verfremdungen passen gut in die grosszügigen Ausstellungsräume der Fondation Fernet-Branca in der stillgelegten Destillerie im elsässischen Saint-Louis. Seit bald 20 Jahren widmet sich das Haus statt dem bekannten Likör der zeitgenössischen Kunst. Doch auf dem Dach des Gebäudes von 1907/08 thront noch das markante Firmenemblem: ein Adler, der sich mit ausgebreiteten Flügeln von einer Weltkugel erhebt.

Kulissen ohne Schauspieler und Statisten

Anonyme Orte präsentiert auch «10'000 American Movies», die zweite grossformatige Polaroidserie Kordakis', entstanden während langer Autoreisen quer durch die USA. Schon als Kind habe ihn das Land mit seinen Glücksversprechungen und Hollywoodfilmen mit Helden wie Steve McQueen oder Clint Eastwood fasziniert, so der Künstler. Landschaften mit Strassen, Vororten, Fabriken und Lagerhäusern reihen sich aneinander, meist in Schwarz-Weiss oder Sepiabraun.

Yiorgos Kordakis: «10'000 American Movies SP # 37».

Yiorgos Kordakis: «10'000 American Movies SP # 37».

zvg/Yiorgos Kordakis

«Ich habe festgestellt, dass Amerika tatsächlich ein riesiges Klischee ist», sagt Kordakis. Seine Amerika-Fotos wirken wie seine Sommerbilder wegen der gewollt unvollkommenen Technik merkwürdig zeitlos. Menschen sind diesmal abwesend. Die Landschaften und Gebäude erinnern an leere Kulissen, aus denen sich Schauspieler und Statisten aus dem Staub gemacht haben. Schriftzüge und Werbeschilder verkünden dennoch weiter ihre Botschaften von Konsum und Glück.

Türklinken, Duschköpfe und Papiersäcke

Auf den Ölbildern des Briten James White (*1967) fehlen die Menschen ebenso, ihre Anwesenheit lässt sich nur indirekt erahnen. Ausgehend von Fotos gibt der Maler mit Pinsel in hartem Schwarz-Weiss triviale, kaum beachtete Gegenstände aus dem Alltag wieder: Lampen, Türklinken, Duschköpfe und Papiersäcke, die in Küchen, Werkstätten und Hotelzimmern still ihre Funktionen erfüllen. Die hyperrealistischen Stillleben zeigen die Objekte meist in extremer Nahsicht. Oft sind sie in mehrere Flächen gebrochen und mit aufgeklebten Aluminiumstreifen versehen.

James White: «The Large Glass 6».

James White: «The Large Glass 6».

zvg/Richard Shellabear

Fast schmerzhafte optische Eindrücke vermittelt der Künstler mit seinen hell gleissenden Lichtpunkten auf den Gegenständen aus Metall, Holz oder Glas. Wenn die Trinkgläser zerbrochen sind und in feinen Splittern daliegen, bilden sie ein blendendes Kaleidoskop. Auch White lässt Licht an Wasseroberflächen spiegeln: Wasser, das in Trinkgläsern und Plastikflaschen steht, aus Hahnen und Duschköpfen fliesst oder sich in Spülbecken in kleinsten Tröpfchen sammelt.

Vom Versuch, die Geheimnisse der Kunst zu enthüllen

Dem dritten Künstler, dem Franzosen Olivier Masmonteil (*1973), hat die Fondation eine grössere Retrospektive gewidmet. Mit dem hoch gesteckten Ziel, die Geheimnisse der Kunst zu enthüllen, will der Maler untersuchen, wie Natur, Landschaft und Menschen in der Kunstgeschichte dargestellt wurden. Dafür nimmt er sich mythologische und biblische Szenen von Altmeistern wie Tintoretto, Le Brun oder Correggio vor. Diese kopiert und überlagert er mit ornamentalen Formen, manchmal auch mit skizzierten Vorhängen und badenden Figuren.

Olivier Masmonteil: «Missing Actaeon».

Olivier Masmonteil: «Missing Actaeon».

zvg/Aurélien Mole

Zugänglicher sind die neueren Versuche Masmonteils, figurative mit abstrakter Kunst zu kombinieren: Sie zeigen Landschaften mit viel Himmel zu verschiedenen Tageszeiten und in wechselnder Bewölkung. Darunter hat der Künstler horizontale Streifen in plakativ leuchtenden Farben gesetzt, die jene der Natur teils wiederholen, teils kontrastieren. So nehmen die weiten Horizonte den «globalen Sommer» wieder auf. Dieser lässt sich hier noch etwas verlängern: Die Ausstellung dauert bis kurz nach dem Herbstanfang.

Yiorgos Kordakis, Olivier Masmonteil, James White.
Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis (F). Geöffnet Mi. bis So., 13–18 Uhr.
www.fondationfernet-branca.org