Saisonstart
Erneuerung und Neugier: Der Gare du Nord startet ins dritte Jahrzehnt

Der Basler Musikbahnhof stellte am Mittwoch seine 21. Saison vor. Ein Ausruhen auf den Lorbeeren ist nicht zu erkennen, im Gegenteil, es herrscht vibrierende Aufbruchstimmung.

Reinmar Wagner Jetzt kommentieren
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«Subnormal Europe» von Oscar Escudero und Belenish Moreno Gil.

«Subnormal Europe» von Oscar Escudero und Belenish Moreno Gil.

zvg / Armin Smailovic

Die Pandemie scheint fern im Moment, aber sie hat die vergangene 20. Jubiläumssaison des Gare du Nord dennoch stark beeinflusst: Zahlreiche Absagen, teilweise nur gestreamte Anlässe, und die Publikumszahlen betrugen bloss die Hälfte im Vergleich zu 2019. Davon lassen sich Désirée Meiser und ihr Team aber keineswegs entmutigen. Und ihr Programm für die kommende Spielzeit ist auch kein bisschen ein Nachholen von möglicherweise etwas zu kurz gekommenen Jubiläumsfeierlichkeiten, sondern trägt in allen Zügen die Handschrift von Erneuerung und Neugier.

Natürlich, gewisse Dinge bleiben, wie der Fokus auf die Formen des aktuellen Musiktheaters, seit vielen Jahren das Markenzeichen des Basler Musikbahnhofs, mit dem man sich europaweit einen exzellenten Ruf und ein dicht gesponnenes Netzwerk erarbeitet hat, das die besten Adressen wie die Münchner Biennale oder Wien Modern umfasst.

In die Saison aber startet man am 19. Oktober mit einer Eigenproduktion, mit einer Uraufführung von Jannik Giger, Leo Hofmann und Benjamin van Bebber, welche die Sopranistin Sarah Maria Sun in einem elektronischen Klangraum den expliziten und impliziten Aussagen in jenem berühmten Interview von Lady Diana nachspüren lassen, in dem sie einer erstaunten Öffentlichkeit einen schockierenden Blick hinter die royale Fassade gewährte.

Musiktheater ist längst mehr als das Nachspielen einer festgelegten Komposition. Die Möglichkeiten zwischen Vorstellung und Installation will man im Gare du Nord ausloten, den Stärken der Performance nachspüren, den Einfluss von Technik und virtuellen Räumen erkunden. Einen audiovisuellen Overkill fabrizieren Oscar Escudero und Belenish Moreno Gil mit «Subnormal Europe», die Sängerin Lisa Tatin interagiert mit Sensoren auf ihrem Körper. Die Komponistin Anda Kryeziu und die Regisseurin Caterina Cianfarini deuten den Ingmar-Bergman-Film «Persona» neu.

Offener Geist in historischen Gemäuern

Den Themen und Ideen scheinen keine Grenzen gesetzt: Das Künstlerkollektiv «Phantasten» hinterfragt das Opfer in Strawinskys «Sacre du Printemps», Andreas Eduardo Frank und Matthias Rebstock suchen nach Gemeinsamkeiten zwischen Pilzen und Menschen. Hoffmann/van Bebber verfremden Puccini-Arien und Lukas Huber erkundet die Musik hinter der Sprache. Eine «geballte Ladung innovative und radikale Kreativität» verspricht Désirée Meiser für die kommende Spielzeit.

Unter der neu geschaffenen Affiche «Friendly Takeover» wurden zehn Performerinnen, Komponisten oder Kuratorinnen eingeladen, den Saal und die Bar mit ihren ganz eigenen Ideen zu füllen. Dieser offene Geist durchzieht auch sonst die historischen Gemäuer des ehemaligen Bahnhof-Büffets, die immer offen waren für die Spezial-Ensembles der Neuen Musik wie das Ensemble Phoenix von Jürg Henneberger oder das Mondrian-Ensemble.

Ihre Konzertreihen bringen seit Jahren manche Facetten zeitgenössischen Musikschaffens an ein interessiertes Publikum. Gastrecht in der kommenden Saison geniesst als Residenz-Formation das Basler Ensemble Lemniscate, das aus seinem Netzwerk ein Programm voll anspruchsvoller neuer Ensemblemusik, Performance und junger Konzertformen präsentiert.

Innovative Wege geht man auch bei den Ticketpreisen: Alle Besuchenden wählen frei zwischen drei Preisstufen. Und erstmals gibt es ein Abo, das diesen Namen eigentlich nicht verdient: Es handelt sich eher um eine Mehrfahrtenkarte, denn die Daten sind frei wählbar und bis 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn bleiben jeweils Plätze reserviert.

www.garedunord.ch

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