Schauspielhaus
Ein liebevoller Blick auf eine angespannte Beziehung: Wer ist schon süchtig nach normal?

Das Theater Basel lässt in «Un sentiment de vie» eine Autorin ihre Familiengeschichte aufarbeiten.

Mélanie Honegger
Drucken
Teilen
Auf der Suche nach Vergebung: Anne Haug.

Auf der Suche nach Vergebung: Anne Haug.

zvg/Ingo Hoehn

Ein einziger Kampf, dieses Schreiben: So geht es der Autorin und einzigen Figur in Claudine Galeas Stück «Un sentiment de vie», das am Samstagabend im Schauspielhaus Premiere feierte, schon von Beginn weg. Sie möchte schreiben über ihren Vater und über die Erinnerungen, die sie noch an ihn hat. Sie möchte verstehen, woher sie kommt. Sie stolpert über Satzanfänge, versucht es erneut und wiederholt sich doch nur.

Der Einstieg in Galeas Stück fällt schwer – bis Darstellerin Anne Haug aus dem Publikumssaal in die Mitte der Bühne tritt. «Ich bin Französin, zumindest für heute Abend», sagt sie. Vor allem ist sie eine Tochter, die von ihrem Vater erzählt, ihm Vorwürfe macht, ihn vermisst. «Irgendwann sollte dieses Stück bei Schönheit und Vergebung ankommen», sagt sie immer wieder. Und erzählt vom Vater, der nie geweint hat, bis er sich im Auto von seiner Tochter ins Krankenhaus fahren lässt. Im Radio singt Frank Sinatra, der grosse Held des Vaters. «Strangers in the night», singt seine Tochter auf der Bühne. Sie versucht, ihre Familie zu verstehen. «Mein Vater hat nur über Politik geredet, weil er nicht über Liebe reden konnte», weiss sie heute. «Eine normale Familie eben. Aber wer ist schon süchtig nach normal?»

Liebevoller Blick auf eine angespannte Beziehung

Galea hat ein berührendes, intimes Stück geschrieben, das ganz von Darstellerin Anne Haug lebt. Sie redet sich in Rage, wirr und dann doch wieder klar, und zieht diesen Monolog während mehr als einer Stunde durch, oft in rasendem Tempo. Wann atmet diese Frau eigentlich? So einnehmend Haugs Performance auch ist: Der Rahmen des Monologs – das Hadern der Autorin mit dem Schreibprozess – bleibt diffus. Erst im Schreiben lernt die Autorin zu verstehen, ja, aber die zahlreichen literarischen Referenzen, allen voran an Falk Richter und Georg Büchner, gleichen zähen Fragmenten, zusammengebastelt wie ein Textentwurf voller Ideen, die aufkommen und wieder verworfen werden.

Die Liebeserklärung der Tochter an ihren Vater ist indes derart roh und ehrlich, dass sie aufwühlt und das Publikum unverhofft auflachen lässt, nur um es kurz darauf wieder zu erschüttern. Je derber die Anekdoten, desto lebendiger das Bild des Vaters, der einst so laut und selbstgefällig und plötzlich verletzlich war. Diese flüchtigen Einblicke in eine angespannte und dennoch liebevolle Vater-Tochter-Beziehung machen die Stärke des Stücks aus. Es hätten gerne mehr sein dürfen.

«Un sentiment de vie»
Noch bis 11.2. im Schauspielhaus Basel.

Aktuelle Nachrichten