Skulpturen
«Als wären sie schon immer hier gewesen»: Florian Grafs «Ufos» auf dem Bruderholz

Mit drei Skulpturen regt der Basler Künstler Florian Graf zum Nachdenken über unseren Lebensraum an.

Hannes Nüsseler
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Florian Graf: «Was mich auch interessiert, ist die Sicht auf die Stadt mit ihrer Skyline.»

Florian Graf: «Was mich auch interessiert, ist die Sicht auf die Stadt mit ihrer Skyline.»

Juri Junkov

Erster Eindruck: Da steht jemand, etwas auf dem Feld. Keine Vogelscheuche, dafür setzt sich die Krähe zu entspannt auf die menschenähnliche Form, die mit einem kleinen Glasfenster auf einen keuchenden Jogger herabblickt. «Skulpturen sind seltsame Halblebewesen», sagt Florian Graf zufrieden und rückt eigenhändig ein Schild mit dem Werktitel zurecht: «Bio Diversity», Biodiversität.

Insgesamt drei Skulpturen hat der Basler Konzeptkünstler und Bildhauer auf dem Bruderholz beim Marga Bührig-Weg platziert, am Rand einer rotgesprenkelten Klatschmohnwiese des Biobetriebs Margarethengut, über die Gewitterwolken ziehen. Graf können die wuchernden Pflanzen, der Platzregen und die dramatischen Lichtverhältnisse nur recht sein: «Die Skulpturen spielen mit der Natur.»

Auseinandersetzung mit Vielfalt

Alle drei bestehen aus denselben Elementen, nur unterschiedlich kombiniert. «Dabei passen die Formen nicht wirklich zueinander», erklärt der Bildhauer. «Eine ist selbstständig rund, eine extrovertiert spitzig, eine kann nicht für sich alleine stehen.» Zusammen ergeben sie dennoch eine harmonische Einheit, was sich nicht nur ökologisch deuten lässt. «Die Biodiversität bezeichnet ein ausgeglichenes Verhältnis im Zusammenleben», so Graf. «Das gilt auch für unsere Gesellschaft, die sich mit ihrer wachsenden Vielfalt auseinandersetzen muss.»

Ein Mensch – fast schon ein Engel mit seinen Flügelansätzen –, ein Vogel, eine Pflanze mit Blütenblättern. «Stellt sich die Frage, wie sie zusammenleben können, und ob es überhaupt Hierarchien geben soll.» Und weil die eigene Deutungshoheit in diese Kategorie fällt, relativiert Graf die eigene Interpretation sogleich. «Man kann die Skulpturen verschieden lesen. Was mich an diesem Standort auch interessiert, ist die Sicht auf die Stadt mit ihrer Skyline.» Zu den Assoziationen, die Kirchtürme und Hochhäuser wecken, tritt dabei ein ganz und gar solider Bezug.

«Beton ist nichts anderes als Sand mit etwas Zement, ein Stein also, der nicht durch vulkanische Transformation entstanden ist», erklärt Graf. Auch seine Skulpturen sind aus Beton gegossen, was ihnen eine archaische Wirkung verleiht. «Sie könnten aus einer weit entfernten Vergangenheit stammen, aber auch wie ein Ufo aus der Zukunft gelandet sein.» Eingewachsen im Getreidefeld strahlten sie eine seltsame Zeitlosigkeit aus, «als wären sie schon immer hier gewesen».

Über Umwege zur Kunst

In der Menge, wie er als Bausubstanz verwendet wird, ist Beton aber auch eine grosse Belastung für die Umwelt. «Das schafft den Bezug zur Stadtlandschaft», erklärt Graf. «Was dort verbaut wird, ist fast unvorstellbar.» Grafs Interesse am Städtebau kommt nicht von ungefähr, hatte er doch an der ETH Zürich Architektur studiert, bevor er eine Laufbahn als Künstler einschlug – widerwillig, wie er einräumt. «Ich wollte schon als Kind Künstler werden, habe aber alles versucht, um es nicht zu sein.» Künstlerfreunde seines Vaters führten Graf die möglichen prekären Lebensverhältnisse vor Augen. «Das wollte ich nicht. Also habe ich alle möglichen Umwege über Biologie, Theater und die Architektur unternommen.»

Die Beschäftigung mit dem Raum war für Graf dabei immer zentral, und das nicht nur in einem architektonischen Sinn. «Meine Skulpturen sind so etwas wie kleine Gebäude», erklärt er, «die Fenster aus Glas lassen auf ein Innenleben schliessen – fast wie bei einem menschlichen Körper.» Es ist dieses menschliche Innenleben, das der Bildhauer mit seinen Skulpturen erforscht: Was geht hinein, was kommt heraus? «Das können Nahrungsmittel, aber auch Gefühle, Stimmungen oder Krankheiten sein. Ich beschäftige mich mit der Rückkoppelung zwischen der Architektur, die wir erschaffen, und unserem eigenen Befinden.»

«Sie beleben diesen Ort.»

«Sie beleben diesen Ort.»

Juri Junkov

Seine Inspiration findet Graf, der nach jahrelangen Reisen seine Zelte wieder in Basel aufgeschlagen hat, häufig unter freiem Himmel. «Wandern ist durch die Pandemie ja wieder zum Volkssport geworden», sagt er. «Aber das Spazieren oder auch Flanieren in der Stadt ist für das Nachdenken und Ideenfinden ein wunderbarer Zustand, weil man im Fluss ist und immer neue Eindrücke gewinnt.» In den Städten, in denen er gelebt habe, sei er oft ganze Tage herumgestreunt. «Im Atelier verarbeite ich dann, was ich aufgenommen habe. Dieses Wechselspiel zwischen drinnen und draussen ist wichtig.»

Die Skulpturen vom Bruderholz waren erstmals auf dem Hofgut Mapprach bei Zeglingen ausgestellt. «Dabei handelt es sich um einen englischen Landschaftsgarten mit einem landwirtschaftlichen Biobetrieb», sagt Graf. «Diese Schnittstelle, an der Nutzen und Schönheit zusammenkommen, interessiert mich.» Für ihren aktuellen Standort hat der Künstler seine Skulpturen so ausgerichtet, dass sie das Dreiland spürbar machen, indem sie in verschiedene Richtung blicken: in die Rheinebene, in die Schweiz und hinüber nach Deutschland. «Und sie beleben diesen Ort, das finde ich immer wichtig: dass Skulpturen animieren.» Deshalb auch die Fensteraugen. «Wir treten in einen Dialog mit den Skulpturen, weil sie uns anschauen.»

Nach Abschluss der Ausstellung Anfang August suchen die drei «Wegbegleiter» übrigens einen neuen Ort, an dem sie bleiben dürfen. Und wer weiss: Vielleicht haben sie den künftigen Ausstellenden schon in die Augen geblickt.

«Bio Diversity», Bruderholz, noch bis Anfang August. www.floriangraf.ch